Hamnet
Großbritannien, Vereinigte Staaten | 2025 | FSK 12
Festa del Cinema di Roma 2025

Über William Shakespeare wissen wir recht wenig. Sein Geburtsdatum ist nicht überliefert, und überhaupt ist sein Leben nur spärlich dokumentiert, was bei einem Mann, der Mitte des 16. Jahrhunderts lebte, weder Aristokrat war noch in Prozessakten oder Besitzurkunden erwähnt wurde, nichts Ungewöhnliches ist. Es führte aber auch dazu, dass seine Urheberschaft an seinen Theaterstücken immer mal wieder angezweifelt wurde. Doch das stört die Chinesin und Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao (NOMADLAND) nicht weiter. Sie erzählt uns eine erstaunlich konkrete und humanistische Familiengeschichte des berühmten Dichters, bei der es nicht um seine Biographie, sondern vielmehr um Verlust und Theater geht.
Immerhin ist Shakespeares Geburtsort gesichert: Und hier in Stratford-upon-Avon im Jahre 1580 beginnt die Geschichte, die Shakespeare als jungen Mann zeigt, der zwar völlig verarmt, dafür aber schwer verliebt ist. Bald schon heiratet er die hübsche Agnes, und bald schon sind sie nicht mehr allein. Drei Kinder machen ihre finanzielle Situation auch nicht leichter. Während es Shakespeare nach London ans Theater zieht, bleibt Agnes mit den Kindern daheim. Doch als dort die Pest zuschlägt, verlieren die beiden ihren Sohn Hamnet (altenglisch für Hamlet). Es kommt zu einem offenen Zerwürfnis. William geht wieder nach London und studiert sein erstes Stück ein, und Agnes will nichts mehr von ihm wissen. Dennoch verbreitet sich die Kunde von der Premiere seines ersten Theaterstücks im altehrwürdigen Globe-Theater bis nach Stratford-on-Avon. Vielleicht war Agnes einen Moment lang beeindruckt, doch als sie den Titel des Stücks “Hamnet” liest, ist sie rasend vor Wut. Wie kann er dem Stück den Namen seines verstorbenen Sohn geben? Agnes will William zur Rede stellen und fährt nach London, um sich das Stück anzusehen.
Die Theateraufführung ist der stärkste Teil des Films, für das die Regisseurin das alte Globe Theater an den Ufern der Themse detailgenau nachbauen ließ, um so die damalige Atmosphäre einzufangen und uns die Bedeutung des Theaters damals wie heute spüren zu lassen. Verhandelt werden große Themen. “Es geht um Liebe und Tod und darum, wie sich diese beiden grundlegenden menschlichen Erfahrungen durch Kunst und Geschichtenerzählen gegenseitig verstärken und transformieren können“, so die Regisseurin. Dabei bedient sie sich als Vorlage des gleichnamigen Romans von Maggie O’Farrell, der 2020 veröffentlicht wurde, euphorische Kritiken erhielt und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde.
Schon im letzten Jahr hatte Desiree Nosbusch das Theaterstück “Poison” mit Tim Roth und Trine Dyrholm in den Hauptrollen als ihr Regiedebüt auf die Leinwand gebracht. Darin zeigt sie eindrucksvoll, warum Paare, die ein gemeinsames Kind verlieren, oft nicht wieder zusammenkommen. Es liegt an der Trauer, man kann einfach nicht gemeinsam trauern. Jeder trauert auf seine eigene Weise. Und so ist es auch bei William und Agnes und während der Aufführung wird Agnes klar, dass William hier seine Trauer verarbeitet hat und sie so mit anderen Mensch teilt, anderen Menschen, die Ähnliches erlebt haben Trost gibt und diesen Schicksalsschlag mit menschlicher Größe überwindet.
Mit dem Mut, Shakespeare einmal anders zu zeigen, setzt Chloé Zhao den vielen Shakespeare-Experten eine magische und weibliche Version entgegen, die sie in großartigen Bildern mit einem begeisternden Ensemble so unmittelbar in Szene setzt, dass dem Zuschauer ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Mitproduziert haben Sam Mendes und Steven Spielberg.


