In den Gängen

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In den Gängen - 2018 Filmposter

Grandioser poetischer Realismus aus Deutschland: Thomas Stuber (Deutscher Filmpreis 2015 für „Herbert“) entführt uns liebevoll in eine Parallelwelt, die direkt neben der unseren existiert und doch den meisten unbekannt sein dürfte: die Nachtschicht im Großmarkt. Zwischen den endlosen Produktregalen, die für den nächsten Tag wieder aufgefüllt werden müssen, herrschen ganz eigene Regeln für das Miteinander. Und doch spielt sich hier das ganze Leben ab – mit all seiner Tragik und Komik, mit Liebe und Tod…

Christian (Franz Rogowski) ist der Neue. Ausgestattet mit einem Arbeitskittel, vier Kugelschreibern und einem Cuttermesser – der „Grundausstattung“ – stolpert er hinein in diese fremde Welt und wird dem knurrigen Bruno von der Getränkeabteilung (Peter Kurth) zugeteilt, der erst einmal klar stellt, dass er keine Hilfe braucht. Doch Christian macht sich gut, wenn er auch kaum ein Wort spricht, und Bruno nimmt sich immer väterlicher seiner an und erklärt ihm, worauf es ankommt: welche Abteilung mit welcher kann, welche Arbeitsmittel Tabu sind für einen „Frischling“, den Unterschied zwischen einem „Aufräumer-Typ“ und einem „Auffüller-Typ“ und wo man am besten eine „Fünfzehn“ machen kann – eine heimliche Kippenpause. Auf seinem langen Weg zur großen Gabelstaplerprüfung, dem entscheidenden Aufnahmeritual für diese neue Familie, trifft Christian auch auf Marion von den Süßwaren (Sandra Hüller), in die er sich auf Anhieb verliebt. Am Kaffeeautomaten im Pausenraum kommen sie sich langsam näher. Doch bald muss Christian einsehen, dass das, was hier gilt, noch lange nicht mitgenommen werden kann nach draußen und dass jeder von ihnen seine eigenen Altlasten hat, mit denen er fertig werden muss: Marion, Bruno und er selber…

Stuber gelingt mit dieser Verfilmung einer Kurzgeschichte des ostdeutschen Kultautors Clemens Mayer eine meisterliche kleine Analogie auf das Leben, die ungewöhnlich kunstvoll und gekonnt die Balance hält zwischen Tragik und Komik. Gemeinsam mit seinen hervorragenden Darstellern lädt er uns ein, über die Skurrilität dieses Mikroskosmos zu lachen (direkt zum Einstieg führen die Gabelstapler ein Ballett zur „schönen, blauen Donau“ auf) und gleichzeitig die echten Menschen dahinter zu sehen und mit ihnen zu fühlen. Seine virtuose Bild- und Tonregie verzaubert die kargen Schauplätze in eine poetische Seelenlandschaft, die uns mitten hinein versetzt in die Herzen der Figuren. Wenn Christian Meeresrauschen hört, weil er Marion sieht, wenn die beiden in Analogie dazu auf der Weihnachtsfeier etwas abseits auf Plastikstühlen sitzen und auf die Autobahn hinaus blicken, wenn nur der Abglanz des Silvesterfeuerwerks sich auf den unverputzten Wänden seiner kärglicher Wohnung reflektiert – das ist pure anrührende Poesie, genau wie die Gedanken des schweigsamen Christian aus der Feder Clemens Mayers, die Franz Rogowski (mit Sprachfehler!) aus dem Off dazu spricht. Rogowski, Shooting Star der letzten Berlinale, der hier seine größte Leistung seit seinem Debüt „Love Steaks“ abliefert, Sandra Hüller, die seit „Toni Erdmann“ endlich den meisten ans Herz gewachsen sein dürfte, und der liebenswert raubeinige Peter Kurth („Herbert“, „Babylon Berlin“), versorgen die Figuren mit einer Authentizität, die einem den Atem raubt. Nach diesem Film sieht man jeden Supermarkt und seine Mitarbeiter mit anderen Augen.

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