Nouvelle Vague
Frankreich | 2025 | FSK TBA
Cannes 2025

Richard Linklater war im letzten Jahr ausgesprochen produktiv. Auf der Berlinale gewann er Anfang des Jahres einen Silbernen Bären für BLUE MOON und wenige Monate später stellte er NOUVELLE VAGUE auf dem Filmfest Cannes vor, der schnell zum Publikumsliebling avancierte. In Schwarzweiß und Normalformat gedreht, erzählt er in sehr unterhaltend aus der Gründerzeit der Nouvelle Vague.
Linklater berichtet hier von den Dreharbeiten zu Godards Debütfilm AUßER ATEM, einem der Geburtsfilme der Nouvelle Vague, den Claude Chabrol und François Truffaut der späteren Regie-Ikone ermöglicht haben. Überhaupt ist Linklater offensichtlich beeindruckt von den vielen Cineasten, die Godard begleiten, ihm Tipps geben und seine Arbeit ständig kommentieren. Doch der Regie-Debütant Godard strotzt vor Selbstbewusstsein, legt sich mit seinem Produzenten an, lässt Jean Seberg zu Fuß zum Set laufen, damit sie schon außer Atem ist, wenn der Drehtag beginnt. Ihre Maskenbildnerin lässt er nicht arbeiten, weil er Seberg in Natura haben will. Auch seine Kameratechnik ist eigenwillig, doch Raoul Coutard setzt sie widerspruchslos um, auch wenn sie gegen alles verstößt, was er gelernt hat. Und zum Schluss im Schneideraum lernen wir Techniken kennen, die Filmgeschichte schrieben.
Mit viel Leichtigkeit und Humor versucht Linklater die Aufbruchstimmung jener Jahre einzufangen und dem Enfant Terrible Godard näherzukommen. Und tatsächlich konnte er in Cannes den naturgemäß hohen Erwartungen der Franzosen gerecht werden. Er inszeniert die Geschichte zwar im Stile Godards, erzählt sie aber aus dem Bauch heraus und setzt so der notorischen Kopflastigkeit dieses Genres eine gehörige Portion Spass entgegen. Es ist sein erster Film, den er komplett in französischer Sprache gedreht hat, was nach eigenem Bekunden für ihn nicht so leicht war. Er konnte sich aber gut mit dem Stoff identifizieren und gut nachvollziehen, wie sich Godard mit einer Film-Community umgab, die ihn begleitete, kritisierte und unterstützte. Das war wie zu seinen Anfängen in Austin, nur dass Godards Community aus vielen schillernden Namen bestand, während es bei ihm nur ein paar Nerds von Austin waren. Geholfen haben sie ihm aber genauso.
So treten viele Gesichter jener Zeit auf: Jean Seberg (Zoey Deutch), François Truffaut Claude Chabrol, Suzanne Schiffman, Jacques Rivette, Éric Rohmer, Juliette Greco, Jean-Pierre Melville, Roberto Rossellini, Robert Bresson, Jean Cocteau und der Produzent Georges de Beauregard, um nur einige zu nennen. Man muss sie nicht alle kennen, um von der damaligen Aufbruchstimmung mitgerissen zu werden. Mit dem noch unbekannten Guillaume Marbeck hat Linklater einen kongenialen Schauspieler für die Darstellung von Jean-Luc Godard gefunden. Er trifft ihn in Habitus, Gestik und Stimme und das Gesicht kann man eh nicht erkennen, weil er – wie Godard es damals wirklich tat – den ganzen Tag mit Sonnenbrille rumläuft. Getoppt wird diese Performance nur noch von Aubry Dullin, der dem jungen Belmondo so ähnlich sieht, dass man meint, den Leibhaftigen vor sich zu haben. Das kann nur noch von der Revision des Original-Films AUßER ATEM getoppt werden.


