Stoker - Die Unschuld endet
Vereinigte Staaten, Großbritannien | 2012 | FSK 16

An ihrem 18. Geburtstag verliert India Stoker ihren geliebten Vater bei einem Autounfall. Auf der Beerdigung taucht der lange verschollene Onkel Charlie auf, um Mutter und Tochter tröstend zur Seite zu stehen. Doch irgendetwas stimmt mit dem netten Onkel nicht und Unheil macht sich breit. Die erste Hollywood-Arbeit des koreanischen Filmemachers Park Chan-wook („Old Boy“) ist ein extrem spannender und visuell herausragender psychologischer Thriller, an dem Altmeister Hitchcock seine helle Freude gehabt hätte.
Ein neues paar Schuhe gleichen Modells wartet jedes Jahr zum Geburtstag im großzügigen Garten des abgelegenen Anwesens der Familie Stoker für die kleine India (Mia Wasikowska). Onkel Charlie (Matthew Goode) denkt nämlich auch während seines Auslandsaufenthalts immer an seine Nichte. Nach dem plötzlichen Tod von seinem Bruder taucht er dann tatsächlich auf, um sich zu kümmern. Während India sich verschlossen gibt, nimmt ihre labile Mutter Evelyn (Nicole Kidman) die Hilfe dankend an. Doch der nette Onkel ist ein charismatisches Kerlchen, dessen Sexappeal sich auch India kaum noch entziehen kann. Und Charlie scheint es nicht nur auf die Mutter abgesehen zu haben…
Der koreanische Filmemacher Park Chan-wook beweist in „Stoker“ aufs Neue sein Händchen dafür, Grenzen auszuloten. Indias Coming-of-Age ist der Verlust ihrer Unschuld und die gelackte Oberfläche bekommt immer stärkere Risse bis der Schmutz hervorbricht. Die Inszenierung ist auf höchstem Niveau und verbindet Form und Inhalt bis in die kleinste Nuance. Der Ort ist geschlossen und die Handlung wird mehr durch Bilder vorangetrieben, denn durch Dialoge. Zuweilen erinnert das an ein Kammerspiel und schafft eine beklemmende Atmosphäre. Park ist ein Meister der Metapher und sorgt damit für eine hitzige Spannung, die mysteriöse und düster-erotische Züge trägt. Der Verlust der Unschuld wird mit dem Erwachen von Indias Sexualität in Verbindung gesetzt, während ihre Mutter Evelyn von unterdrückten Begierden bestimmt wird, was Onkel Charlie für seine Absichten zu nutzen weiß.
Die Darsteller überzeugen auf ganzer Linie: Mia Wasikowska, bekannt aus Tim Burtons „Alice in Wonderland“ verkörpert facettenreich ein junges eigenwilliges Mädchen an der Grenze zum Erwachsensein, während Nicole Kidman wieder einmal beweist, wie gut sie zwanghafte Charaktere verkörpern kann. Matthew Goode („A Single Man“) hat sichtbaren Spaß daran, dem Bösen eine faszinierende Anziehungskraft zu verleihen.
Oft lassen talentierte Filmemacher aus Fernost stark nach, wenn der Westen ruft. Mit „Stoker“ beweist Park Chan-wook, dass das nicht so sein muss. Obwohl er bisher nur seine eigenen Skripte umgesetzt hat, konnte er sich für das vielschichtige Drehbuch von Wentworth Miller begeistern und hat es kongenial mit Unterstützung seines langjährigen Kameramanns Chung-hoon Chung umgesetzt. Miller, der in erster Linie als Schauspieler (Prison Break) bekannt ist und der an dem Drehbuch acht Jahre gearbeitet hat, hielt seine Urheberschaft lange geheim, da er befürchtete, nicht ernst genommen zu werden, aber letztendlich hat sich Qualität durchgesetzt und beschert dem Zuschauer einen der interessantesten Filme in diesem Jahr. //Eric Horst zum Kinostart Mai 2013


