Van GoghAn der Schwelle zur Ewigkeit

AWARDS: Coppa Volpi, Venedig 2018

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Van Gogh - 2018 Filmposter
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Auf der Pressekonferenz in Venedig stellte Julian Schnabel klar, dass es sich bei diesem Film nicht um ein Biopic handele - er und sein Drehbuchautor Jean-Claude Carrière seien durch einen gemeinsamen Museumsbesuch in Paris zu diesem Film inspiriert worden. Nach der Ausstellung sprachen sie über das Gesehene und Schnabel beschrieb, wie alle Bilder zu ihm gesprochen hätten, und dass es ihm im Nachhinein so vorkäme, als hätte er einen Nachmittag zusammen mit van Gogh verbracht. Carrière fand das eine schöne Film-Idee und versprach ein Drehbuch zu schreiben, dessen Verfilmung nun auch dem Kinogänger dieses Erlebnis ermöglicht.

Dass diese Idee so wunderbar aufgeht, ist natürlich auch Willem Dafoe zu verdanken. Dessen van Gogh ist ein bescheidener, frommer und gottesfürchtiger Mensch, der sich dennoch mit Jesus Christus vergleicht. Er weiß, dass die Leute seine Kunst nicht verstehen und doch muss er sie malen, notfalls für die Nachwelt. Van Gogh war in seiner Zeit genauso unbekannt wie Jesus in dessen Zeit. Dafoe spielt ihn mal klar und brilliant, dann wieder verrückt und hilflos, und am Ende triumphierend. Eine grandiose Performance, für die er in Venedig die Coppa Volpi erhielt.

Der größte Teil des Films wird aus der Perspektive van Goghs erzählt und beschränkt sich auf dessen letzte Lebenszeit, wo er das Grau von Paris gegen das intensive Licht von Südfrankreich eintauscht. Doch nicht jeder heißt ihn hier willkommen, allzu offensichtlich ist, dass er ein Typ ist, der nicht in seine Zeit passt. Die Wirtin in Arles hat wegen seiner Armut Mitleid mit ihm und gibt ihm Unterkunft, andere beschweren sich über ihn und die Kinder hänseln ihn. Am Anfang kommt einem Dafoes Performance vor wie die eines Obdachlosen, aber mit der Zeit taucht er in seine Rolle ein und irgendwann meint der Zuschauer, mit dem tatsächlichen van Gogh unterwegs zu sein. Er lernt seinen Charakter kennen, folgt seinen manchmal etwas verworrenen, aber höchst interessanten Gedanken, die Schnabel aus seinen Briefen entnommen und Dafoe in den Mund gelegt hat. So gesehen hält Schnabel seinen Film nicht für eine Biographie, sondern für seine subjektive Vorstellung. Dabei leistet er sich einen erfrischend freien Umgang mit der Wahrheit, denn Fakten zu dem Künstler-Genie gibt es nur wenige, dafür viele obskure Geschichten, wie z.B. über sein abgeschnittenes Ohr oder auch seine Todesumstände. Für Schnabel ist klar, dass es Mord war, doch um die Wahrheit geht es ihm gar nicht. “Wahrheiten gab es immer schon viele, nicht erst seit Kurosawas RASHOMON, und wenn jemand nicht an Mord glaubt, dann ist es eben nur ein Film, mein Film.”, meinte er in Venedig.

Für seinen Film hat er jedenfalls viele Stillleben, Landschaftsbilder und Porträts aus van Goghs Gemälden genommen und auf der Kinoleinwand zu neuem Leben erweckt, um sie anschließend von Willem Dafoe wieder malen zu lassen. Für ihn sei das eine spannende Zeit gewesen, berichtete Dafoe, denn malen wollte er immer schon mal, und Julien konnte es ihm beibringen. Auch wenn viele im Film verwendete Bilder von Schnabel selbst nachgemalt wurden und Dafoe nur die letzten Pinselstriche tätigt, wirkt er absolut echt und glaubwürdig.

So gesehen ergeht es dem Zuschauer ähnlich wie den Filmemachern bei ihrem Ausstellungsbesuch. Schnabel schenkt uns zwei wunderbare Stunden, fernab von unserer Zeit in einer anderen Welt, an einem anderen Ort, lässt uns eintauchen in seinen van Gogh-Kosmos, eine meditative Erfahrung künstlerischer Transzendenz.