VorschauSTART | 21.02.2019

ViceDer zweite Mann

AWARDS: Berlinale 2019 (außer Konkurrenz), 8 Oscar-Nominierungen

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Vice - 2018 Filmposter
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Gerade für acht Oscars nominiert und außer Konkurrenz in den Berlinale Wettbewerb berufen, ist Adam McKays Farce über Politik und Macht im modernen Amerika sicherlich ein Höhepunkt der diesjährigen Berlinale. Er schaut hinter die Kulissen des Polit-Business und zeigt uns, wie die Weltpolitik funktioniert. Denen, die meinten, dass die Agenda einer Partei maßgeblich ist oder ein speziell ausgesuchter Beraterstab verantwortlich handelt, standen schon immer die Pessimisten gegenüber, die nur Clans an der Macht sahen, die ihre ureigenen Wirtschafts- und Machterhaltungsinteressen sichern. Seit Trump wissen wir, dass alle Macht beim Präsidenten liegt, egal ob er einen Plan hat oder eben keinen. Der dreisteste Machtpolitiker, der für Trump eine Blaupause lieferte, war wohl Dick Cheney, doch der hatte einen ziemlich klaren Plan.

Als ihm George W. Bush 2001 das Amt des Vize-Präsidenten anbietet, lehnt Cheney erst einmal ab. Er hat schon unter Nixon, Reagan und sogar Papa Bush im Weißen Haus gearbeitet und leitet außerdem einen großen Rüstungskonzern. Was soll er da mit einem hauptsächlich repräsentativen Job, es sei denn man würde seine Befugnisse neu definieren…

Bush stimmt sogleich zu, jede Arbeit, die ihm Cheney abnimmt, bedeutet mehr freie Zeit auf dem Golfplatz. So verändert Cheney gezielt die Geschicke Amerikas und niemand wird ihm vorwerfen können, er hätte keinen Plan gehabt. Er hat das moderne Amerika nachhaltig und auf lange Sicht verändert. Dabei stand er stets in der zweiten Reihe und kaum ein Amerikaner weiß von seinem Tun. Treibende Kraft hinter Cheney war wohl seine Jugendliebe Lynne. Die extrem intelligente und machtorientierte Frau wusste schon in den 60er Jahren, dass ihr als Frau einige Türen für immer verschlossen bleiben. Also projizierte sie alle ihre Machtfantasien auf ihren Ehegatten, der kein Intellektueller ist und es nur knapp nach Yale geschafft hat. Dort fliegt er nach Auffälligkeiten als Sauf- und Raufbold allerdings schnell wieder raus. Lynne stellt ihn vor die Wahl: entweder er macht schnell Karriere oder sie sucht sich einen anderen. Irgendwie findet Cheney dann doch den Weg ins Weiße Haus, wird zum Praktikanten von Donald Rumsfeld. Der ist Vize-Präsident unter Nixon, und Cheney lernt schnell das zynische Alphabet des Oval Office. Unter Bush drehen sich dann die Verhältnisse um und Cheney holt Rumsfeld als Verteidigungsminister in die Regierung. Gemeinsam zetteln sie nach 9/11 einen Krieg an, der nicht zu rechtfertigen ist. Mit der Lüge “Massenvernichtungswaffen” fallen sie in Afghanistan und später auch im Irak ein, was über 600.000 Menschen das Leben kostet.

In “Wag the Dog” zetteln Politiker einen Krieg an, um von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken und ihre Macht zu erhalten. Diese Kino-Satire ist längst von der Wirklichkeit überholt worden, denn VICE beschreibt die bittere Wahrheit. Regisseur Adam McKay (THE BIG SHORT) hat diesen Stoff nicht als Dokufiktion inszeniert, wie gerade Michael Moore IN fahrenheit 11/9 und ebenfalls nicht als Geschichtsstunde oder Biopic. VICE ist eher eine Farce, die immer wieder zwischen Drama und Komödie hin- und herpendelt und uns dabei vortrefflich unterhält, gleichzeitig aber immer wieder schockiert. Es ist ein sarkastischer Blick in den Abgrund eines modernen Amerikas, wie es Trump nun weiterführt. Sehenswert sind auch die schauspielerischen Leistungen von Sam Rockwell als George W. Bush und vor allem Christian Bale, der schon allein durch seine kongeniale Maske zum leibhaftigen Cheney wird und diesen Charakter mit diabolischem Esprit gibt. So wird VICE zu einer Farce, bei der man nie weiß, ob man lachen oder weinen soll und über die man noch lange nachdenken wird.