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VorschauSTART | 07.07.2022

Willkommen in Siegheilkirchen

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Mit seinem Arthouse-Superhit „Wer früher stirbt, ist länger tot“ löste der Regisseur Marcus H. Rosenmüller einst den bayerischen Regional-Komödien-Kino-Hype aus. Jetzt wagt sich der gebürtige Tegernseer an seinen ersten Animationsfilm. Die werkgetreue Hommage an den österreichischen Karikaturisten Manfred Deix ist mehr als gelungen. Die Coming-of-Age-Geschichte eines nicht nur sexuellen, sondern auch politischen Erwachens Ende der 1960er Jahr in einer bigotten Welt auf dem Land überzeugt bis ins Detail. Am Rand des westlichen Wienerwalds muss sich sein liebenswerter Protagonist gegen Alt-Nazis, scheinheilige Moralisten und schweigende Duckmäuser behaupten. Selbst wer kein Fan von Animationsfilmen ist, sollte sich dieses Highlight nicht entgehen lassen. Der tiefschwarze, anarchistische Humor trifft ins Mark.

Es gibt quasi niemanden in Österreich, der „den Deix“ nicht kennt. Manch einer steht in der U-Bahn und sagt: „Schau, ein Deix.“ Noch zu Lebzeiten von Manfred Deix hatte der österreichische Duden einen Eintrag zu „Deixfigur“. In der Alpenrepublik wissen alle, was prototypisch gemeint ist und das Beeindruckende: Die Leute fühlen sich vom subversiven Kult-Cartoonisten entlarvt und lieben die Figur trotzdem.

Österreich in den 1960 Jahren. Ein erzkatholisches Provinznest am Rande des westlichen Wiener Walds. Der Krieg ist zwar vorbei. Aber ewig gestrige Alt-Nazis zusammen mit scheinheiligen Moralisten und bigotten Kirchenoberen bestimmen das dumpfe Klima. Immer noch ziert ein Hakenkreuz das Rathaus in Siegheilkirchen. Und genau der Maler, der es einst verbrochen hat, soll die braunen Flecken im Stadtbild nun mit einem neuen pompösen Wandgemälde übertünchen.

Der Gendarm (Armin Assinger) ist die meiste Zeit betrunken, der Pfarrer (Jürgen Maurer) prügelt die Kinder und Friseur Kurz (Thomas Stipsits) wäre gern der neue Führer. Der von allen nur „Rotzbub“ (Markus Freistätter) genannte Sohn braver Wirtsleute hadert mit dieser spießigen Enge. Doch sein Zeichentalent bricht sich trotzdem Bahn. Freilich ist Künstler bei seinen Eltern kein Beruf. Sie sehen ihren Bub lieber als Buchhalter. Der verklemmten Sexualmoral zum Trotz inspiriert den Pubertierenden Trude (Gerti Drassl), die neue Verkäuferin in der Metzgerei.

Als seine Spezln sein erotisches Daumenkino entdecken, gibt es für sie kein Halten mehr. Mit dem Verkauf seiner Zeichnungen bessern sie ihr Taschengeld auf. Der „Rotzbub“ hat inzwischen ganz andere Sorgen. Er hat sich tatsächlich verliebt. Und damit steht ihm der nächste Ärger ins Haus. Sein Schwarm, das blitzgescheite Roma-Mädchen Mariolina (Gerti Drassl) wird von der Dorfgemeinschaft geächtet. Als das Mädchen mit ihrer Mutter (Adele Neuhauser) im Wirtshaus einkehrt, muss er miterleben, wie sein Vater es nicht wagt sie zu bedienen.

„Bei uns sitzen die Weiberleit in der Kuchel“, stänkern die schwarzbraunen Stammgäste. Und der alte Spruch wird laut: „Unterm Führer hätte es das nicht gegeben“. Inmitten solcher Ewiggestriger, die scheinheilig die erotischen Zeichnungen des talentierten Rotzbubs als „widerliche Anleitung zur Selbstbefleckung“ abtun, gibt es aber auch den Bar-Betreiber Poldi (Roland Düringer) im Espresso Jessy. Der blickt auf eine gescheiterte Rockkarriere zurück, die eigentlich nie so recht begonnen hat. „Träum weiter“, sagt er zum Rotzbub und ergänzt den Satz liebevoll: „Und hör nie damit auf.“ Doch zum Träumen bleibt ihm wenig Zeit. Denn der braune Sumpf plant schon den nächsten Coup. Und um diesen Wahnsinn zu verhindern muss sich der „Rotzbub“ etwas einfallen lassen. Nur so kann er seine Mariolina schützen.

Politisch brisant, mit bissigem Humor und viel Schmäh erweckt Regisseur Marcus H. Rosenmüller zusammen mit Storyboard-Artist Santiago Lopez den Deixschen Kosmos auf der Leinwand zum Leben. Phasenweise vergisst man sogar, dass die animierten Figuren nicht echt sind. Rosenmüller und seinem Co-Regisseur Santiago López Jover gelingen zudem Einstellungen, die im Realfilm gar nicht möglich wären. Etwa, wenn sie die Geburt des Rotzbubs vom Inneren des Mutterleibs aus darstellen.

Aber auch die Musik vermittelt den Zeitgeist exakt. Musiker und Komponist Gerd Baumann kreierte dafür Songs, die aus den Sechzigern stammen könnten. Mit einer Prise Hendrix, und einem Hauch Pink Floyd sorgt er für die damalige Aufbruchsstimmung a la Woodstock. Der österreichische Animationserstling ist inspiriert von der Biographie des Kult-Cartoonisten, Noch zu seinen Lebzeiten begann die Arbeit am voll animierten 3D-Biopic, dieser Liebeserklärung ans Rebellentum. Wie im Film, ist seine große Liebe, aus einer Roma-Familie. Bis zu seinem Tod waren seine Frau Marietta und er ein Paar.

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