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Die 71. Filmfestspiele in Cannes: Ein Festivalbericht

 

Papst Franziskus - 2018

Wim Wenders und Papst Franziskus in: Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes – 2018

Die wenigen deutschen Beiträge an der Croisette musste man in den Nebenreihen suchen. Und auch dort war es erstaunlich still um sie. Insbesondere Wim Wenders, der seinen PAPST FRANZISKUS (UPI) in einem Special Screening zeigte, machte sich so rar, dass die internationale Presse mutmaßte, er könne Spike Lees Drohung, ihm nicht bei Nacht zu begegnen, ernst genommen haben. Dabei ist die Botschaft seines Films völlig friedlicher Natur und zeigt einen Papst des Volkes, dem wir kameratechnisch auf Augenhöhe begegnen, was den Eindruck vermittelt, dass er nicht zu uns, sondern mit uns spricht. Im wesentlichen sind es die Familienwerte, die er uns zu achten auffordert, wobei er den Familienbegriff auch auf die ganze Welt ausdehnt. Schließlich sind wir alle Brüder und Schwestern, die gegenseitig aufeinander achten und ihr Haus (die Umwelt) in Ordnung halten sollten.

Mit diesem Credo nimmt uns der Film mit auf eine Reise um die halbe Welt, hin zu beinahe jedem Katastrophen-Schauplatz, wo Franziskus, meist mit leeren Händen, den Menschen Trost zuspricht und Mut macht. Er kann das Leiden nicht verhindern, aber er kann es anprangern und publik machen. Und genau das tut er: vor dem amerikanischen Kongress, der UNO-Vollversammlung und überall, wo er die großen Politiker trifft, denen er genauso die Leviten liest wie seiner Kurie. So setzt er Trumps „America First“ ein beherztes „Nature First“ entgegen und schenkt Erdogan für seine Militäroffensive gegen die Kurden ironisch einen Friedensengel.

 

Auf der Suche nach Ingmar Bergmann - 2018

Auf der Suche nach Ingmar Bergmann – 2018

Aber auch Margarethe von Trottas Biopic AUF DER SUCHE NACH INGMAR BERGMAN (Weltkino) konnte nur Sympathiepunkte einsammeln. Dabei ist ihr Ansatz ein ausgesprochen persönlicher und nimmt seinen Anfang während ihres Literatur-Studiums in Paris, wo sie zum ersten Male DAS SIEBENTE SIEGEL sah, der zu einem Initiations-Erlebnis für ihre eigenen Karriere werden sollte. Später dann sollte sie ihr Idol in seiner Münchner Zeit persönlich kennen lernen und wartet hier mit einigen Insider-Informationen auf. Bergman setzte später Trottas DIE BLEIERNE ZEIT auf seine ‘All-Time-Favorites-Filmliste’ und mit seiner Hauptdarstellerin und langjährigen Lebensgefährtin Liv Ullmann verbindet Trotta eine lange Freundschaft. So ist ihre Dokumentation eine persönliche Spurensuche, die ihr Verhältnis zu dem Meisterregisseur aufzeigt und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt.

 

In My Room - 2018

In My Room – 2018

In der Un Certain Regard-Reihe lief dann noch Ulrich Köhlers IN MY ROOM (Pandora), der zwar von der Presse hochgeschrieben wurde, es im Kino jedoch schwer haben wird. Vordergründig geht es um ein postapokalyptisches Szenario, eigentlich verhandelt Köhler jedoch das Thema Männlichkeit und die Reproduktion von (überkommenen) Gesellschaftsstrukturen. Ihn interessiert die entleerte Welt nach dem Untergang vor allem als Möglichkeitsraum für eine Neuerfindung des Eigenen, in diesem Fall, die des Protagonisten Armin. Mitte Vierzig lebt er noch immer wie ein Student in Berlin, arbeitet erfolglos als Kameramann und ist weit davon entfernt, eine feste Beziehung zu haben. Ein Besuch des Elternhauses in Westphalen konfrontiert ihn mit dem Tod seiner geliebten Großmutter und dem wieder erblühten Sexualleben seines Vaters, der eine neue Frau gefunden hat.

Armin schläft weinend im Auto ein, und als er am nächsten Tag erwacht, ist die Welt verschwunden oder zumindest die Menschen in ihr. Nach einem kurzen Schock begibt er sich zurück in die Natur und wird Jäger und Sammler, Siedler und Erbauer. Schließlich gesellt sich sogar eine Frau in das verlorene Paradies, doch sie ist wenig erpicht darauf, dem Mann bloß ein Weib zu sein. Armins Melancholie kehrt zurück.

Köhlers Inszenierung ist zurückhaltend und lässt nur in wenigen Momenten einen affektiven Überschwang zu. Beim Stöbern in einer verlassenen Videothek finden die beiden eine DVD von „Die Brücken am Fluss“ und Armin weint beim Ansehen des Films, als Meryl Streep sich dagegen entscheidet, ihrer großen Liebe Clint Eastwood zu folgen. Mann und Frau kommen einfach nicht zusammen.

Die alten Männlichkeitsbilder funktionieren nicht mehr, aber wie kann man das Geschlechterverhältnis neu denken? Wie wird man erwachsen und überlebensfähig? Köhlers Apokalypse ist eine soziale und psychische. Sie ist in ihrer reduzierten und tristen Inszenierung zunächst wenig dankbar, erzeugt jedoch Fragen und Assoziationen, die länger nachwirken als gedacht.

Mit dem Hauptpreis der Certain Regard wurde ein Film ausgezeichnet, der ebenfalls eine allegorische Erzählweise wählte, diese jedoch, im Gegensatz zu Köhlers Film, auch in eine hochspannende und originelle Inszenierung umsetzen konnte.

 

Border - 2018

Border – 2018

Die dänisch-schwedische Koproduktion BORDER von Ali Abbasi ist eine verblüffende Mischung aus Fantasy und Sozialdrama, bei der man deutlich merkt, dass der Autor des genialen SO FINSTER DIE NACHT, Like Lindqvist, das Drehbuch geschrieben hat. Im Zentrum der Geschichte steht die Zollbeamte Tina, die über die außergewöhnliche Fähigkeit verfügt, riechen zu können, wenn jemand etwas zu verbergen hat. So stößt sie neben Drogen und geschmuggelten Waren irgendwann auf einen Mann, der pädophile Bilder im Gepäck hat und wird von der ungläubigen Polizei für weitere Sonderermittlungen verpflichtet. Doch Tina ist nicht nur durch ihr Talent, sondern auch ihr Aussehen eine Außenseiterin. Als sie eines Tages am Zoll dem jungen Vore begegnet, beginnt sich ihre Ahnung zu verfestigen, dass sie vielleicht nicht nur unter einem Gendefekt leidet, der sie entstellt hat, sondern zu einer anderen Spezies gehört, die von den Menschen gewaltsam ausgerottet wurde.

Abbasi gelingt es den Zuschauer fortwährend zu überraschen und dabei viele Ebenen zu eröffnen, auf denen der Film verstanden werden kann. Ein Aspekt davon ist die Frage nach der Grenze zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit und ob man Missbrauch, den man erfahren hat, weitergibt. Geschickt spielt Abbasi mit dem Bild des Monströsen und hat mit Eva Melander eine Hauptdarstellerin gefunden, die den Film emotional trägt und durch ihre hervorragende Maske hindurch mit ihrer Präsenz fesselt.

 

Girl - 2018

Girl – 2018

Furore machte auch das Debüt des erst 26-jährigen flämischen Regisseurs Lukas Dohnt, dessen GIRL gleich mit drei Preisen, der Camera D’Or für den besten Erstlingsfilm, der Queer Palm und dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde. Das sorgfältig ausgearbeitete Drehbuch und die bravouröse Darsteller-Leistung des Tänzers und Schauspielers Victor Polster machte GIRL zu einer der großen Entdeckungen in Cannes, die bei der Premiere mit langem Applaus belohnt wurde.

Polster spielt Lara, einen 15-jährigen Teenager, für den feststeht, im falschen Körper, dem eines Jungen, zu stecken. Sie will ein Mädchen sein und Ballerina werden. Ihr alleinerziehender Vater ist fürsorglich besorgt um sie und auch ihr sonstiges Umfeld unterstützt sie, so gut es geht. Sie steht unter ärztlicher Kontrolle und hat mit einer Hormontherapie begonnen, die sie auf eine zukünftige Operation zur Geschlechtsumwandlung vorbereiten soll. Auch ihr Traum, Ballerina zu werden, scheint in Erfüllung zu gehen. Sie wird an einer renommierten Ballett-Akademie zu einer achtwöchigen Probezeit angenommen. Und doch ist Lara nicht glücklich. Die Hormone machen ihr zu schaffen. Alles geht ihr nicht schnell genug und ihr Ehrgeiz, sowohl auf ihrem Weg zur Frau als auch in ihrer Ballettkarriere voranzukommen, wird immer mehr zur Obsession. Sie isoliert sich zunehmend von ihrer Umwelt, bis die Ereignisse eskalieren.

Dohnt gelingt eine beeindruckende Charakterstudie, die tief in die Psyche und Gefühlswelt seiner zentralen Figur eindringt. Dabei setzt er weniger auf Emotionen als auf genaue Beobachtung und Analyse, ohne dabei zu unterkühlt zu wirken. Unterstützt wird dies durch eine beinahe schon voyeuristischen Kamera, die mit zahlreichen Close-Ups arbeitet. Hierdurch wird dem Zuschauer auch eines von Laras Problemen deutlich gemacht: sie hat kaum Privatsphäre und steht unter der steten Beobachtung ihrer Umwelt. „Ich will kein Beispiel sein. Ich will nur ein Mädchen sein“, bringt sie ihr Dilemma einmal selbst auf den Punkt.

 

Angel Face - 2018

Angel Face – 2018

Große Erwartungen setzte man in Cannes auf Vanessa Filhos ANGEL FACE, konnte die französische Künstlerin für ihren Erstling doch gleich die Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard als Hauptdarstellerin akquirieren. Cotillard spielt eine alkoholabhängige alleinerziehende Mutter, die ihre elfjährige Tochter Elli sträflich vernachlässigt, obwohl sie ihr immer wieder versichert, sie zu lieben und für sie da zu sein. Die Hoffnung, mit der 5. Hochzeit ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, zerschlägt sich schon während der Feier, als ihr Ehemann sie in flagranti mit einem Partygast auf der Toilette erwischt. Also geht es weiter wie bisher: lange Partynächte, Alkoholexzesse und wechselnde One Night Stands. Ihre Tochter Elli hat schon früh gelernt, alleine zurechtzukommen und so wundert sie sich kaum, als ihre Mutter mit einer neuen Liebschaft gleich ganz verschwindet. Allerdings hat sie sich schon einen Elternersatz ausgeguckt: Joe, einen ehemaligen Klippentaucher, der in einem Trailer lebt und der es nicht übers Herz bringt, Elli im Stich zu lassen.

An der Seite von Cotillard, die hier unter ihren Möglichkeiten bleibt, erweist sich die junge Darstellerin Ayline Aksoy-Etaix in ihrem Part als Elli als talentiertes Nachwuchstalent, von dem man mehr sehen möchte. Im Gegensatz zum letztjährigen Cannes-Beitrag „The Florida Project“ mit ähnlichem Thema verschenkt ANGEL FACE jedoch die Gelegenheit, einen gesellschaftlichen Bezug zum individuellen Schicksal ihrer Protagonistin herzustellen und bleibt zu sehr an der Oberfläche haften.

 

Rafiki - 2018

Rafiki – 2018

Mit ihrem Film RAFIKI (Salzgeber) packt Regisseurin Wanuri Kahiu ein heißes Eisen an – zumindest in ihrem Heimatland Kenia: eine Liebe zwischen zwei Frauen. Lesbische Liebe ist dort gesetzlich verboten, daher wurde der Film auch von der Kenianischen Regierung mit einem Bann belegt. Der Coming of Age-Film erzählt von der Romanze zwischen Kena und Ziki, zwei jungen Frauen, die im gleichen Bezirk von Nairobi leben. Kena, die Krankenschwester werden möchte, ist ein kumpelhafter Typ, die mit den Jungs aus der Umgebung seit ihrer Kindheit Fußball spielt. Einen von ihnen mag sie besonders, doch eine feste Beziehung lehnt sie noch ab, sehr zum Ärger ihrer Mutter, die sie getreu dem Motto „Good Kenyan girls become good Kenyan wives“ möglichst schnell verheiraten möchte. Als Kena das Mädchen Ziki kennenlernt, wird ihre Welt auf den Kopf gestellt. Zikis Vater kandidiert – ebenso wie Kenas Vater – für das Bürgermeisteramt, doch die beiden bauen keine Rivalität auf, sondern verstehen sich auf Anhieb. Ziki ist lebenslustig, ungestüm und will die Welt erobern. Auch Kena setzt sie einen Floh ins Ohr: ihr stehe doch die Welt offen, sie könne nicht nur Krankenschwester werden, sondern auch Ärztin oder Rechtsanwältin. Die beiden kommen sich immer näher, und dies bleibt auch ihrer Umgebung nicht verborgen. Doch Zikis Selbstsicherheit ist nicht so gefestigt wie es scheint. Während sie Kena buchstäblich wachküsst und diese immer selbstbewusster wird, bricht Zikis Widerstand gegen ein eingefahrenes Frauenbild zusammen, als die beiden in ihrem Rückzugsort, einem alten VW-Bully in flagranti erwischt und verprügelt werden. Ihre Väter müssen sie sogar aus dem Knast holen. Dabei erweist sich Zikis Vater als gewalttätiger Despot und Gottesprediger, der Homosexualität als Sünde und Besessenheit definiert, die man nur mit einer Art Exorzismus bekämpfen kann. Ziki wird nach London geschickt, doch die beiden Frauen bleiben zumindest spirituell miteinander verbunden. Untermauert wird dies durch ein schönes Schlussbild: Kena denkt an ihre ferne Freundin und diese legt im Off ihre Hand um ihre Schulter, ein poetischer Gegenentwurf zur vorangegangenen Exorzismus-Szene.

RAFIKI basiert auf der Ugandischen Kurzgeschichte Jambula Tree von Monica Arac de Nyeko und ist die erste Kenianische Produktion, die ihr Debüt in Cannes erlebte. Das sympathische und bunt inszenierte Plädoyer gegen Homophobie kam gut an und markierte einen weiteren starken Auftritt von Frauen im diesjährigen Festival.

 

Climax - 2018

Climax – 2018

In der Nebenreihe Director’s Fortnight, die dieses Jahr ihr fünfzigstes Jubiläum feierte, gab es dann noch ein Highlight zu sehen, das schließlich auch mit dem ART CINEMA AWARD ausgezeichnet wurde: Gaspar Noés CLIMAX (Alamode).

Nachdem sein expliziter 3D-Film LOVE vor einigen Jahren in einem Midnight Screening zu sehen war, liefert er diesmal einen visuellen Trip ab, der durch seine fantastische Choreographie überzeugt. Das Setting ist dabei simpel: Eine Gruppe von Tänzern feiert in ihrem Proberaum den letzten Abend vor der großen Aufführung. In der Sangria-Bowle befindet sich aus unerklärlichen Gründen LSD. Es beginnt eine wahnsinnige Nacht, in der die unterschiedlichen Typen sich sowohl auf erotische Weise wie auch durch Gewalt näher kommen als gedacht. Mit einer völlig entfesselten Kamera taucht Gaspar Noé in das exzessive Geschehen ab und nimmt den Zuschauer mit auf eine unvergessliche Party, die für die meisten im Blackout endet – oder schlimmer. Künstlerisch ist er dabei wieder auf der Höhe seines Erfolges von ENTER THE VOID – und wird bald auch bei uns für ausgelassene Stimmung in der Spätvorstellung sorgen.

 

Fahrenheit 451 - 2018

Fahrenheit 451 – 2018

In der Midnight-Section war Ramin Bahrani HBO-Produktion FAHRENHEIT 451,
die Neuverfilmung von Truffauts Version aus dem Jahre 1966 nach dem Roman von Ray Bradbury zu sehen. In den Hauptrollen sind Michael B. Jordan und sein Chef Michael Shannon als Feuerwehrmänner zu sehen, die Brände nicht bekämpfen, sondern gezielt alle Bücher verbrennen sollen. Um das perfekte Glück zu erreichen, sind andere Meinungen, künstlerische Ausdrucksformen, freies Denken, sprich jegliche Form von Kreativität verboten. Stattdessen gaukelt man der Menschheit vor, dass alle gleich sind und erzählt ihnen niemals die Wahrheit. Bücher sind der Erzfeind dieser Desinformations-Kampagne die Bahrani etwas mainstreamlastig verfilmt. Dies ist schade, hat der Stoff doch eine brisante Aktualität, die so zwischen den Stühlen von Arthaus- und Multiplex-Kinos verpuffen könnte.

 

Another Day of Life - 2017

Another Day of Life – 2017

Eine hierzulande unbekannte, aber nicht weniger interessante Geschichte erzählen die beiden Regisseure Raúl de la Fuente und Damian Nenow in ANOTHER DAY OF LIFE (Pandora) nach dem gleichnamigen Buch von Ryszard Kapuściński. Letzterer war ein brillanter polnischer Journalist, der 1975 nach Angola fährt, wo am Vorabend der Unabhängigkeit des Landes ein blutiger Bürgerkrieg tobt. Die Kolonialmacht Portugal hat sich schnell zurückgezogen, um nicht auf dem Schlachtfeld der Imperialisten zwischen die Fronten zu geraten. Die Bürger Angolas sind da nur noch Kanonenfutter und Kapuścińskis dreimonatige Reise führt ihn in die schmutzige Realität dieses Krieges. Als Reporter ist er gekommen und als Schriftsteller wird er gehen. Die beiden Regisseure setzen das Geschehen – ähnlich wie in WALTZ WITH BASHIR – als Animationsfilm um, der die historischen Begebenheiten natürlich viel leichter umsetzen lässt und dennoch eine packende Intensität erreicht, dass man meinte, den Hauptdarsteller anderntags auf der Croisette wiedergesehen zu haben.

 

Wildlife - 2018

Wildlife – 2018

Und auch in der Semaine de la Critique haben wir eine Perle gefunden. Paul Danos erste Regiearbeit WILDLIFE eröffnete diese Reihe. Es ist ein einfühlsames Porträt der Auflösung einer Ehe aus Sicht des 14-jährigen Sohnes Joe. Sein Vater Jerry arbeitet als Servicekraft in einem Golfclub. Als er entlassen wird und kurz darauf wieder eingestellt werden soll, lehnt er ab, weil er für solch einen snobistischen Arbeitgeber nicht mehr arbeiten will. Seine Frau Jeanette meint, dass man sich solche Allüren im Montana der sechziger Jahre angesichts von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise nicht leisten kann. Sie ergreift selbst die Initiative und sucht nach einem Job, merkt aber bald, dass dies nicht so einfach und der Preis, den sie dafür zahlen muss, ziemlich hoch ist. Während ihr Mann als Firefighter gegen den großen Waldbrand kämpft, baut sich Jeanette ein eigenes Leben auf und opfert dafür ihre Familie. Dies alles beobachtet ihr Sohn minutiös mit einer großen Traurigkeit in seinen Augen. Paul Dano gelingt es in seinem Regiedebüt, die Stimmung der Zeit einzufangen und tief in die inneren Strukturen der Familie einzudringen. Auch wenn er in Sachen Ausstattung nicht an Todd Haines heran reicht, kann er sich auf seine vorzüglichen Schauspieler Jake Gyllenhall, Carey Mulligan und den Youngster Ed Oxenbould verlassen, die diesen Film zu einem einfühlsamen Zeitporträt machen.

Auch wenn in diesem Jahr tatsächlich die ganz großen Namen fehlten und vielleicht auch die ganz großen Filme, muss man dennoch konstatieren, dass fast alle Filme von hoher Qualität sind und das Zeug für packendes, intelligentes Kino haben. Und wenn die Unkenrufe der amerikanischen Presse auch nach dem Festival nicht aufhören, so kann man Festivalleiter Thierry Fremaux nur unterstützen. Auch ohne Netflix und ohne amerikanische Superstars bleibt Cannes das wichtigste Festival der Welt.