Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Deutschland | 2025 | FSK 6

Nach der Tragikomödie WANN WIRD ES ENDLICH SO, WIE ES NIE WAR (2023), die Joachim Meyerhoffs Kindheit in einer Psychiatrie thematisiert, schafft es nun der nächste Roman aus der erfolgreichen autobiografischen Buchreihe auf die Leinwand. Mit ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE begleiten wir unter der Regie von Simon Verhoeven (WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS) Bestsellerautor Joachim Meyerhoff, gespielt von Bruno Alexander (DIE DISCOUNTER), in seinen Jahren als junger Erwachsener – eine Phase, die er bei seinen eigenwilligen Großeltern verbringt und an der Otto-Falckenberg-Schule, Akademie für darstellende Kunst in München.
Der Titel dürfte einigen bekannt vorkommen: Ursprünglich aus Goethes „Werther“ entnommen, steht diese „Lücke“ in Meyerhoffs Erzählung als Metapher für die Leere, die der plötzliche Tod seines Bruders hinterlassen hat, und für die Suche nach Identität. So ist auch das, was Joachim als junger Erwachsener erlebt, etwas, das viele kennen: sich verloren zu fühlen, nach Zugehörigkeit zu suchen und zugleich Unabhängigkeit zu erlangen. Der Film spielt dabei auf die einfachsten menschlichen Gefühle an – gekonnt, gezielt und über die volle Bandbreite hinweg, auf eine sehr liebe- und humorvolle Art.
Obwohl Joachim eher still und in sich gekehrt ist und die Welt vor allem beobachtet, entscheidet er sich kurzerhand, Schauspieler zu werden. Seine verdutzten Eltern (auch hier wieder von Devid Striesow und Laura Tonke verkörpert) sind von diesem Plan nicht unbedingt begeistert, zugleich aber froh, dass ihr Sohn Lebenswillen zeigt. Seine Oma Inge hingegen ist Schauspielerin durch und durch und war selbst als Lehrerin an der Otto-Falckenberg-Schule tätig. Überspitzt verkörpert von Senta Berger, wirkt bei Inge jeder Satz wie eine Performance – eigen, elegant, aus der Zeit gefallen. Sein Opa Hermann (Michael Wittenborn) ist eher von der stillen Sorte, ein Philosoph, der die Vormittage in seine Schriften versunken verbringt.
So zieht Joachim zu seinen Großeltern in ihr großes Haus, das sich seit seiner Kindheit kaum verändert hat. Inge und Hermann führen eine eigene, aber sehr liebevolle Ehe mit festen Ritualen und einem Lebensstil, der sich deutlich von dem der jungen Generation unterscheidet. Wir sehen sie durch Joachims Augen: wie er ihre Eigenarten schon als Kind faszinierend fand und auch im Alter gerne Zeit mit ihnen verbringt. Zugleich zeigt der Film, wie unheimlich das Älterwerden sein kann und wie der Tod wie ein Schatten im Dunkeln lauert – und trotzdem plötzlich eintritt.
An der Schauspielschule, an der Joachim wider Erwarten aufgenommen wird, scheint man etwas in ihm zu sehen. Doch er muss lernen, loszulassen, seine Wut auf die Welt zu verwandeln und in etwas Künstlerisches zu überführen. Immer wieder gerät er mit Lehrer:innen aneinander, die von bekannten Schauspieler:innen verkörpert werden (u. a. Katharina Stark und Karoline Herfurth). Gleichzeitig beobachtet Joachim mit Freude die Entwicklungen seiner Kommiliton:innen, wodurch auch das Theater selbst in den Fokus rückt.
Die Zeit vergeht, und Joachim lernt sich selbst und seine Stärken besser kennen. Vermutlich ist es genau diese Phase, die ihn zu dem Autor formte, der er heute ist. Simon Verhoeven schafft dabei eine Balance zwischen Tragik und Komik. Immer wieder wird deutlich, dass es nicht nur um Joachim geht, sondern auch um die Menschen um ihn herum, die ihre eigenen Krisen zu bewältigen haben. Am Ende steht ein Film darüber, wie das Leben manchmal spielt: mit Witz und mit Momenten, die fast jedem ein Tränchen entlocken können.
In unserer Reihe „Look Twice“ zeigen wir noch einmal WANN WIRD ES ENDLICH WIEDER SO WIE ES NIE WAR, die erste Verfilmung aus Joachim Meyerhoffs mehrteiliger autobiografischer Romanreihe “Alle Toten fliegen hoch”.


