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Die 69. Filmfestspiele Berlin: Ein Festivalbericht

Überwiegend wohlwollend aufgenommen wurde auch Marie Kreutzers DER BODEN UNTER DEN FÜSSEN. Die Österreicherin unternimmt darin eine Gratwanderung zwischen Charakterstudie und Psychothriller. Im Mittelpunkt steht die rund 30-jährige Lola, eine erfolgreiche Unternehmensberaterin auf dem Weg nach oben. Mit äußerster Ökonomie hat sie ihr Leben scheinbar im Griff. Ihr eigenes gestyltes Appartement in Wien sieht sie nur selten. Gerade wickelt sie eine Firmenrettung in Rostock ab, kühl kalkulierend und wie so oft in diesen Fällen verbunden mit Entlassungen größeren Umfangs. Mit ihrer unmittelbaren Vorgesetzten Elise hat sie ein Verhältnis, was sie in der Firma ebenso geheim hält wie die Tatsache, dass sie nicht wie von den Kollegen angenommen, alleinstehend und Waise, sondern Vormund ihrer 40-jährigen paranoid-schizophrenen Halbschwester ist. Ihr Leben gerät aus den Fugen, als diese nach einem Selbstmordversuch in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wird und Lola um Hilfe anfleht, sie dort herauszuholen. Der Versuch, ihren Job und die Betreuung ihrer Schwester unter einen Hut zu bekommen, ohne dass ihre Kollegen etwas davon mitbekommen, wird zur Tour de Force. Sie versetzt Marie in einen Ausnahmezustand am Rande des Nervenzusammenbruchs, der ihre Angst verstärkt, vielleicht erblich mit derselben Krankheit belastet zu sein. Kreutzers Schilderung der Arbeitswelt einer Unternehmensberatung mit 48-Stunden-Schichten, teuren Klienten-Diners und monotonen Hotelzimmern wirkt zeitweilig  – im Gegensatz zu Maren Ades ähnlich gelagertem und mit viel Humor durchsetztem Erfolgshit TONI ERDMANN – zu sehr auf die Spitze getrieben, die Beziehung zu ihrer Kollegin zu steril und wenig glaubwürdig. Dennoch liefert Kreutzer ein spannendes Lehrstück über die zunehmende Unvereinbarkeit einer auf immer größere Effizienz ausgerichteten Berufswelt mit dem Privatleben. Geschickt dosiert streut sie Thriller-Elemente in die Handlung ein, ohne diese jedoch Oberhand gewinnen zu lassen. Vor allem die beeindruckende Leistung von Hauptdarstellerin Valerie Pachner, in deren Gesicht sich sowohl Härte als auch Verletzlichkeit spiegeln, machen DER BODEN UNTER DEN FÜSSEN sehenswert.

Der Boden unter den Füßen - 2019

Der Boden unter den Füßen – 2019

Der goldene Handschuh - 2019

Der goldene Handschuh – 2019

Kaum überzeugen konnte dagegen Fatih Akins selbsterklärter Horrorfilm DER GOLDENE HANDSCHUH. Die Adaption des Bestsellers von Heinz Strunk setzt den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka in Szene und spart dabei nicht mit abscheulichen Details. Im Gegensatz zu dem 2016 erschienenen Roman verzichtet Akin bewusst auf biografische oder psychologische Einordnungen und konzentriert sich stattdessen auf die bloße Monstrosität der Taten im grellbunten Milieu von St. Pauli. Hier spielt sich „Fietzes“ Dasein meist in der heruntergekommenen Kneipe „Zum goldenen Handschuh“ ab, eine Art Endstation für gesellschaftliche Verlierer, die sich nicht in die Erfolgsgeschichten des bundesdeutschen Wirtschaftswunders einreihen können. Die Charaktere, die sich am Tresen kaum noch aufrechthalten können und zu Heintjes „Du sollst nicht weinen“ den Tränen freien Lauf lassen, sind in ihrer Leinwandpräsenz bewegend, und man würde ihnen den Blick eines Rainer Werner Fassbinder wünschen, der immer die Nähe zu seinen Figuren suchte und fand. Doch Fatih Akin flüchtet sich in die Groteske. Er begegnet ihnen eher mit aufdringlichem Humor und scheint vor allem seine eigene Glaubwürdigkeit als Kiez-Kenner profilieren zu wollen. Verstärkt wird dies durch eine Rahmenhandlung, in der zwei Teenager aus gutem Hause den „Goldenen Handschuh“ auf der Suche nach Abenteuer und Entgrenzung aufsuchen, was den Blick auf die Menschen darin unnötig sensationell auflädt. Während die Romanvorlage die Gratwanderung zwischen Tätergeschichte, Milieustudie und Kommentar zur deutschen Nachkriegszeit mit ihren unaufgearbeiteten Traumata gelang, verliert sich Akin im Sensationellen und verfehlt dabei die Zwischentöne, die für einen substantiellen Kiez-Film nötig gewesen wären.

Als Enttäuschung erwies sich auch der außer Konkurrenz gezeigte Spionagethriller DIE AGENTIN mit Diane Krüger in der Hauptrolle. Sie spielt die Mossad-Agentin Rachel, die spurlos verschwindet. Ihr früherer Kontaktmann Thomas wird vom israelischen Auslandsgeheimdienst beauftragt, die Ursache ihres Verschwindens herauszufinden und zu klären, ob sie eine Gefahr für die Organisation darstellt. Zuletzt, als Englischlehrerin getarnt, sollte die gebürtige Britin im Iran bei einer Elektronikfirma spionieren. Sie beginnt eine Affäre mit dem Geschäftsmann Farhad, was beide in eine gefährliche Situation bringt. Für einen Thriller zu langatmig und für eine Charakterstudie zu konturlos, bleibt die Verfilmung einer Vorlage von Yuval Adler, selbst ehemaliger Mossad-Geheimdienstler, hinter den Erwartungen zurück.

Synonyme - 2019

Synonymes – 2019

Die Verleihung des GOLDENEN BÄREN an die israelisch-französische Ko-Produktion SYNONYMES von Nadav Lapid stimmte schließlich die Kritiker wieder versöhnlich, auch wenn das Publikum teilweise recht irritiert im Saal zurückblieb. Die Jury um Juliette Binoche zeichnete mit dem Hauptpreis auf jeden Fall den originellsten Film im Wettbewerb aus, der durch seine wilde und atemlose Erzählweise voller abstruser Einfälle erstaunte, auch wenn nicht immer ganz klar wurde, was er eigentlich erzählen wollte. Der gutaussehende junge Yoav (Kongenial: Tom Mercier) ist aus Israel nach Paris geflohen, die Gründe dafür sind komplex und werden auch nicht aufgelöst. Insofern ist SYNONYMES gerade keine typische Migrationsgeschichte, sondern eher ein Tanz auf der Grenze des Erzählbaren, die immer wieder von den traumatischen Leerstellen der Geschichte eingeholt wird. Yoav lernt ein junges Paar aus der Pariser Oberschicht kennen, das von seiner Privilegiertheit so gelangweilt ist, dass sie den mittellosen Mann mit allem ausstatten, was der zum Leben braucht. Doch das ist nicht genug. Yoav will die Vergangenheit samt seiner Identität abstreifen, er will ein völlig neuer Mensch werden, vielleicht ein Franzose, warum nicht. Dafür kauft er sich ein Wörterbuch und beginnt sich in Ekstase zu reden, wenn er daraus Synonyme vorträgt. Sein Großvater hat nach dem Überleben des Holocaust die eigene Sprache aufgegeben, weil er in ihr zu viel Gewalt erfahren hat, sagt Yoav. Nun will er selbst nicht mehr israelisch sprechen, die Gründe dafür werden in kurzen Rückblenden deutlich, in denen Yoav als Soldat der israelischen Armee gedient hat. Ähnlich kritisch wie Samuel Maoz setzt Nadav Lapid sich somit auch mit seinem Herkunftsland und dessen Politik auseinander und findet durch den Film zu einer neuen Sprache, gerade dann, wenn die Worte seines Protagonisten sich erschöpfen.

SYNONYMS ist eine Tour-de-Force, getragen von dem fantastischen Newcomer Tom Mercier, die beweist, dass man das Kino doch immer noch weiter treiben kann, auch wenn man denkt, bereits alles gesehen zu haben.

Amazing Grace - 2018

Amazing Grace – 2018

Einen krönender Abschluss des Berlinale-Wettbewerbs bildete die außer Konkurrenz gezeigte Musik-Doku AMAZING GRACE nach Aretha Franklins gleichnamigen Doppelalbum, das als das meistverkaufte Gospel-Album aller Zeiten gilt. Aufgenommen wurde das Material für die Filmversion 1972 an zwei Abenden in der New Temple Missionary Baptist Church von Los Angeles. Begleitet wird der Star von ihrer Band und dem Southern California Community Choir. Regisseur Sydney Pollack hatte die Aufzeichnung im Auftrag des Warner Brother Studios übernommen. Wegen technischer Probleme waren Bild- und Tonaufnahme aber nicht synchron, das Projekt wurde auf Eis gelegt, das Material wanderte ins Archiv. Kurz vor Sydney Pollacks Tod im Jahre 2008 hatte sich der US-Produzent Alan Elliott das Filmmaterial gesichert, ein jahrelanger Rechtsstreit mit Aretha Franklin und Verhandlungen um ihre finanzielle Beteiligung folgte. Nun, rund ein Jahr nach deren Tod, wurde das Projekt endlich realisiert und erntete viel Applaus. Vor allem natürlich für Anhänger Franklins sowie Soul- und Gospel-Fans ist die Doku ein Genuss. Pollak hat nicht nur die musikalische Qualität der „Lady des Soul“ eingefangen, sondern auch mit den auffallenden Kostümen der siebziger Jahre und hoch aufgetürmten Afro-Frisuren viel Zeitkolorit. Die Inbrunst und Hingabe der Beteiligten überträgt sich auch auf die Zuschauer – im damaligen Kirchen- wie im heutigen Kinosaal, viele wippten im Friedrichstadtpalast im Takt der Musik und hätten wohl am liebsten mitgesungen.

mid90s - 2019

mid90s – 2019

Eine weitere Perle konnte man im Panorama finden: MID90s, inszeniert vom US-Amerikaner Jonah Hill, bislang vor allem als Schauspieler und Komödiant bekannt. Für seine Rollen in dem Sportdrama DIE KUNST ZU GEWINNEN – MONEY BALL und in Martin Scorseses  THE WOLF OF WALL STREET wurde er für einen Oscar nominiert. Im Mittelpunkt steht der 13-jährige Stevie, der mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinem ihn drangsalierenden älteren Bruder Mitte der neunziger Jahre in den Suburbs von Los Angeles lebt. Ein eher tristes, wenig aufregendes Leben, das neuen Schwung erhält, als er eine Skater-Gang aus der Nachbarschaft kennen lernt. Diese verkörpert jene Coolness, die sich Jungs in seinem Alter wünschen. Mit viel Charme pirscht er sich an sie heran und kann tatsächlich ihre Aufmerksamkeit erregen.  Ein aufregender Sommer beginnt, in dessen Verlauf Stevie lernt, was wahre Freundschaft bedeutet.

Voller Humor und Poesie zeigt uns Hill die Skater-Welt als kosmopolitischen Treffpunkt, bei dem es keine Ausgrenzung gibt, weder durch Hautfarbe, Alter noch Nationalität. Alle halten zusammen und bieten so einen Gegenentwurf zu Stevies zerbrochener Familienidylle. Die Philosophie: positiv bleiben, auch wenn das Leben hart ist. Ein viel versprechendes Debüt mit autobiografischen Bezügen, dass Erwachsene ebenso ansprechen sollte wie Kids und uns Lust macht auf mehr.

Skin - 2018

Skin – 2018

Einen starken Auftritt hatte auch Jamie Bell (BILLY ELLIOT) als geläuterter Neonazi in SKIN, einem bewegenden Drama des israelischen Regisseurs Guy Nattiv, der gerade erst mit der Kurzfilm-Version des Films einen OSCAR gewonnen hat. Und auch die lange Fassung überzeugt durch das hervorragende Zusammenspiel der Darsteller und gibt zugleich einen erschütternden Einblick in die Rekrutierungsmechanismen der rechten Szene in den USA. Die wahre Geschichte des Aussteigers Byron, der sich ins Zeugenschutzprogramm begibt und in einer aufwendigen und schmerzhaften Prozedur all seine Tätowierungen entfernen lässt, ist schonungslos erzählt, und erinnert in ihrer Intensität an AMERICAN HISTORY X. Was SKIN jedoch zu einem so außergewöhnlichen Film macht, ist sein Blick auf Geschlechterverhältnisse. Während die meisten Filme über Neonazis sich an der gebrochenen Männlichkeit des Protagonisten abarbeiten, ist Byron jemand, dessen Gewalt eine große Sensibilität verbirgt, die nicht in die stereotypen Genderrollen passt. Als er die dreifache Mutter Julie (Danielle McDonald) kennen und lieben lernt, realisiert er, dass er sich eigentlich immer danach gesehnt hat, Teil einer Familie zu sein und für andere zu sorgen. Diese Sehnsucht hat ihn als hilflosen Jugendlichen von der Straße zum Opfer einer rechten Gruppierung gemacht, die gezielt Jungs wie ihn aufnehmen, ihnen ein Dach über den Kopf geben und mit einer White-Supremacy-Ideologie indoktrinieren. Wie eine Sekte leitet das Paar Shareen (Vera Farmiga) und Fred (Bill Camp) den von ihnen geschaffenen Clan, der durch familiäre Abhängigkeitsstrukturen und Brutalität eng verschweißt ist. Ein Ausstieg ist lebensgefährlich – das weiß auch der schwarze Menschenrechtsaktivist Daryle. Gemeinsam mit ihm findet Byron schließlich einen Weg aus der Gewalt. Jamie Bell und Danielle McDonald spielen zusammen ein außergewöhnliches Liebespaar, dessen Geschichte tief berührt.

The Souvenir - 2018

Tilda Swinton und Tochter Honor Byrne bei der Premiere von THE SOUVENIR

Von einer schwierigen Liebe handelte ebenfalls THE SOUVENIR der britischen Autorenfilmerin Joanna Hogg, die ihre Jugendfreundin Tilda Swinton und deren Tochter Honor Byrne für die Hauptrollen besetzte. Die autobiografische Geschichte blickt zurück auf die Studienzeit Hoggs im London der 1980er Jahre, als diese gerade ihre ersten Schritte an der Filmhochschule unternahm. Julie (Byrne) kommt aus einem gehobenen Elternhaus, das ihr eine großzügige Wohnung in Kensington finanziert, damit sie in Ruhe ihrem Studium nachgehen kann. Doch ein künstlerisches Projekt zu realisieren, ist gar nicht so einfach, da ihr als überbehütete Tochter dramatische Erfahrung fehlen, von denen sie erzählen könnte. Jeder Drehbuchentwurf erscheint unauthentisch und aufgesetzt. Als sie den älteren Dandy Anthony (Tom Burke) kennenlernt, scheint endlich Bewegung in ihr Leben zu kommen. Er fordert die junge Frau heraus und ermutigt sie gleichzeitig auch ihren eigenen Weg zu gehen. Doch Julies maßlose Bewunderung wird tief enttäuscht: In ihrer Naivität merkt sie erst spät, dass der sich weltmännisch gebende Anthony heroinabhängig ist. Mit britischer Kühle und nüchternem Blick zeigt Hogg wie die co-abhängige Beziehung zu einem Drogensüchtigen die junge Frau bis an ihre psychischen Grenzen bringt – und damit schließlich auch zu einer authentischen Stimme als Künstlerin verhilft. Dezent, aber mit sehr viel Liebe zum Detail entwirft sie das Porträt einer turbulenten Zeit in Großbritannien, das gerade von den Anschlägen der IRA heimgesucht wird. Tilda Swinton hat dabei einen vergleichsweise kleinen Auftritt als Mutter, die genauso weltfremd und enttäuscht wirkt, wie ihre Tochter. Doch Julie wird am Ende ihren Klassenprivilegien zum Trotz einen anderen Weg einschlagen. In SUNDANCE hatte das kunstvoll inszenierte, etwas zu dialoglastiges Coming-of-Age-Drama bereits den GROßEN PREIS DER JURY gewonnen.

Ein vielversprechendes Spielfilmdebüt war im Panorama zu sehen. In O BEAUTIFUL NIGHT nimmt uns Xaver Böhm mit auf eine faustische Reise durch die Nacht. Hier begegnet der zur Hypochondrie neigende, etwas neurotische Musiker Yuri dem Tod in Form eines Österreichers. Der hat Mitleid mit dem sympathischen Looser und bietet ihm an, in dieser seiner letzten Nacht nochmal etwas zu erleben. Yuri darf wählen, doch seine geringe Entscheidungsfreudigkeit macht den Start in die Nacht etwas holprig und fahrig. Erst als sie Nina begegnen, weiß Yuri, was er will, doch bis er seine Angebetete wiedersieht und eine zweite Chance erhält, muss er sich seinen Ängsten stellen. In der Ausstattung merkt man dem Film seinen kleinen Etat zwar an, doch er hat ein großes Herz für seine Protagonisten, was sich auch auf den Zuschauer überträgt, der schnell Gefallen findet an dieser kleinen faustischen Spielerei.