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Die 72. Filmfestspiele von Cannes: Ein Festivalbericht

Vier Frauen hat Thierry Fremaux dieses Jahr in den Wettbewerb berufen und damit wenigstens die Richtung zur Gender-Parität eingeschlagen. Drei davon wurden sogar ausgezeichnet, womit Fremaux die These von Venedig-Chef Barbera widerlegen konnte, dass Filme von Frauen in der Regel keine ausreichende Qualität haben, um im Wettbewerb bestehen zu können.

Little Joe - 2019

Little Joe – 2019

Als erste durfte Jessica Hausner den Gegenbeweis antreten, die nach ihren drei Cannes-Auftritten mit LOVELY RITA, HOTEL und AMOUR FOU nun zum ersten Mal im Wettbewerb startete. LITTLE JOE ist eine österreichisch-englisch-deutsche Koproduktion und behandelt ein für Hausner ungewöhnliches Thema. Ähnlich wie Claire Denise mit HIGH LIFE unternimmt sie einen Ausflug ins Science Fiction-Genre, allerdings hebt sie nicht ab in den Weltraum, sondern bleibt mit beiden Füßen auf dem Boden, der in einem wissenschaftlichen Institut für grüne Gentechnik gelegen ist. Die Laborräume sind so klinisch kalt, dass sie es mit jedem Raumschiff aufnehmen könnten. Hier arbeitet Alice, sie ist leidenschaftliche Wissenschaftlerin und alleinerziehend. Ihr wesentlicher Konflikt machen schon die Namen ihrer Lieblingskinder klar: Ihr Sohn Joe und Little Joe, eine neue Pflanze, die sie gerade entwickelt hat. Sie ist nicht nur besonders schön, sondern auch der einzige purpurrote Farbklecks in den Labors, außerdem riecht sie gut. Doch Alice muss bald feststellen, dass der Pflanzenduft eine bewusstseinsverändernde Wirkung hat. Aber als sie die Versuche stoppen will, wird sie von ihren Kollegen gehindert, denn die Pflanze hat längst die Kontrolle über sie. So sichert sie mit ihrem Duft ihr Überleben, indem sie die Menschen betört und völlig für sich einnimmt. Auch Alices Sohn hat bereits ein Exemplar in seinem Kinderzimmer stehen.

Hausner gelingt es, mit einem einfachen Setting, das eigentlich nur aus zwei Schauplätzen besteht, das Labor und ihre Wohnung, ein großes Feld der Interpretationsmöglichkeiten zu schaffen, die angefangen von parasitären Lebewesen über künstliche Intelligenz bis hin zur Rolle der Frau zwischen Kind und Karriere führt. Letztere wird eindringlich verkörpert von der englischen Schauspielerin Emily Beecham, die dafür als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.

Portrait of a Lady on Fire - 2018

Portrait of a Lady on Fire – 2018

Celine Sciamma, die 2011 mit TOMBOY den Teddy Award auf der Berlinale gewann, war nun mit ihrer fünften Regiearbeit in den Wettbewerb eingeladen. Ihr Film PORTRAIT OF A LADY ON FIRE (Alamode) ist ein Period Pic, das auf allen Ebenen in Sachen Stil, Drehbuch und mit zwei phantastischen Hauptdarstellerinnen überzeugt. Er spielt auf einer abgelegenen Insel in der zweiten Hälfte des 18 Jahrhunderts, wo die Malerin Marianne (Noémie Merlant) ein Hochzeits-Porträt von der Braut in spe Héloïse (Adèle Haenel) anfertigen soll. Crux an dem Auftrag ist, dass Héloïse sich weigert Modell zu sitzen, weil sie die bevorstehende Hochzeit ablehnt. Mariannes Auftrag ist es nun, sie zu hintergehen, sich als Ausgehdame auszugeben und mit  Héloïse lange Spaziergänge zu unternehmen, um sie danach aus der Erinnerung zu malen. Während das Porträt allmählich Konturen annimmt, lernen sich die beiden Frauen kennen und finden Gefallen aneinander. Als am Ende das Werk fertig ist, will Marianne es Héloïse als erster zeigen und ihr ihren Betrug gestehen. Auf letzteren reagiert Héloïse gelassen, aber das Porträt gefällt ihr gar nicht und so ringt sie ihrer Mutter ab, dass Marianne ein neues anfertigt, für das sie auch posieren will. Die Mutter willigt ein und gibt ihnen eine 6 Tage-Frist. So beginnt eine Phase, wo sich sich die beiden Frauen näher kommen als erlaubt und ihre leidenschaftliche Liebe wird durch die zeitliche Frist gesteigert, was sich auch im Porträt widerspiegelt, auf dem nun der Fluch liegt, dass wenn es fertiggestellt ist, die Liaison zu Ende ist.

Sciamma zitiert die Sage von Orpheus und Eurydike aus der griechischen Mythologie, um den Konflikt der Liebenden zu illustrieren. So wie sich Orpheus nicht nach seiner Geliebten umschauen darf, so kann Marianne das Portrait nicht fertigstellen, ohne ihre Liebe zu beenden. So lässt Sciamma in ihrem Film die klassischen Künste aufeinandertreffen und gleicht sie ab mit dem wirklichen Leben. Egal ob Literatur, Malerei oder Musik, sie alle erzählen mit denen ihnen eigenen Mitteln Geschichten aus dem Leben und können es dennoch nie ersetzen. Sie bleiben immer nur ein Abbild.

Sibyl - 2018

Sibyl – 2018

Der Film einer Frau im Wettbewerb war ein psychoanalytisch informierter Film, der in ähnlicher Weise wie François Ozon dieses Wissen für die Inszenierung eines unterhaltsamen Dramas nutzte und Sandra Hüller in einer großartigen Nebenrolle zeigte, die an ihre Performance aus „Toni Erdmann“ anschloss. In SIBYL (Alamode) von Justine Triet verliert sich eine Therapeutin, die eigentlich gerne Romanautorin wäre, in den amourösen Verstrickungen ihrer Patientin, die von Adèle Exarchopoulos gespielt wird. Diese befindet sich in einem Liebesdreieck mit dem windigen Gaspard Ulliel, beide sind Schauspieler in einem Film, der ausgerechnet auf Stromboli gedreht werden soll, von einer deutschen Regisseurin, die zugleich mit Ulliel liiert ist. Triets Film bewegt sich an der Grenze zur Übertreibung, fängt die drohenden Klischees der Geschichte jedoch immer wieder ein, indem sie den Zuschauern die psychologischen Motive ihrer Figuren vorführt und diese ernst nimmt. Das größte Highlight des Films bleibt allerdings die betrogene Sandra Hüller, die ihren beiden Hauptdarstellern zum Trotz weiterdrehen will und sich in ihre Nüchternheit flüchtet.

Atlantique - 2019

Atlantique – 2019

Der senegalesische Film ATLANTIQUE (Netflix) hatte bereits vor der Preisverleihung Geschichte geschrieben, da mit Mati Diop die erste schwarze Regisseurin im Wettbewerb vertreten war. Ihr Langfilm-Debüt wurde mit dem GROßEN PREIS DER JURY ausgezeichnet, der zweithöchsten Auszeichnung in Cannes. Sanft und eindringlich erzählt sie darin eine Fluchtgeschichte über das Mittelmeer, diesmal nicht aus der Perspektive der Flüchtlinge, sondern aus der Sicht der Zurückgebliebenen. Sie verwebt eine Romanze mit einer Geistergeschichte und nimmt dabei gleichzeitig die politischen Verhältnisse in ihrer Heimat Senegal in den Blick. Im Mittelpunkt steht das Mädchen Ada, deren Eltern sie mit dem gutsituierten Omar verheiraten wollen. Sie dagegen ist verliebt in Souleiman, der als Arbeiter zur Errichtung eines Hochhausriesen angeheuert wurde und wie alle seiner Arbeitskollegen seit Wochen nicht bezahlt wurde. Aus Verzweiflung macht er sich zusammen mit einigen Leidensgenossen in einem Kanu auf nach Spanien, um dort ein besseres Leben zu finden. Bald macht die Runde, das Boot sei gekentert und alle Insassen ums Leben gekommen. Doch plötzlich ereignen sich merkwürdige Dinge: das Haus des Ausbeuter-Chefs der Baufirma, bei der Soleiman arbeitete, geht in Flammen auf, und es wird gemunkelt, die Verunglückten seien als Geister zurückgekehrt. Tatsächlich aber erscheinen diese nicht einfach als Geist, sondern ergreifen Besitz von den Körpern ihrer zurückgelassenen Frauen, um durch sie zu sprechen. Ganz im Geiste Apichatpong Weerasethakuls gestaltet Diop die Grenze zwischen Leben und Tod fließend. Der nicht nachgewiesene Tod der Geflüchteten auf hoher See wird so auf berührende Weise artikuliert und gleichzeitig Raum für Trauer geschaffen.

Frankie - 2019

Frankie – 2019

Große Erwartungen lagen auf Ira Sachs’ Wettbewerbsbeitrag FRANKIE, nicht zuletzt wegen der hochkarätige Besetzung mit Isabelle Huppert, Brendan Gleeson, Marisa Tomei und Jérémie Renier. Doch blieb er hinter den Erwartungen zurück. Isabelle Huppert spielt die dem Tode geweihte bekannte Schauspielerin Frankie, die alle ihre Lieben noch einmal zu einem Familienurlaub im malerischen portugiesischen Bergdorf Sintra zusammentrommelt. Drei Generationen treffen in diesem Ensemblestück aufeinander, die sich angesichts der kurzen Zeit, die ihnen bleibt, um von Frankie Abschied zu nehmen, ihren Gefühlen stellen müssen. Da ist ihr zweiter Ehemann Jimmy, ihr Sohn Paul, ihre Adoptivtochter Sylvia, ihr Ex-Mann Michel und ihre beste Freundin, die Stylistin Irene, die mit ihrem Freund Gary anreist und damit Frankies Plan vereitelt, sie mit ihrem Sohn zu verkuppeln. In langen Spaziergängen mit wechselnden Konstellationen tauschen diese sich auch über ihre eigenen Sorgen und Probleme aus. So fürchtet sich Jimmy vor einem Leben ohne seine Frau, Paul fühlt sich trotz Traumjob in der New Yorker Finanzbranche stets unglücklich, Sylvia will sich scheiden lassen, bekommt dadurch aber finanzielle Schwierigkeiten, Irene fühlt sich von ihrem Freund verfrüht zur Heirat gedrängt und Michel hat nach der Trennung von Frankie seine schwule Ader entdeckt. Leider gerät die Inszenierung insgesamt zu langatmig, der Plot zu konturlos, so dass nur wenige Szenen länger im Gedächtnis bleiben.

Oh Mercy - 2019

Oh Mercy – 2019

Mit seinem erneuten Auftritt in Cannes begibt sich Regisseur Arnaud Desplechin nach ISMAELS GHOST diesmal ins Genrefach. OH MERCY basiert auf einer TV-Doku-Serie über eine Polizeieinheit im wirtschaftlich heruntergekommenen nordfranzösischen Roubaix aus dem Jahr 2008. Roschdy Zem spielt den weisen Chef einer Polizeieinheit, die den Mord an einer alten Frau aufklären soll. Er kennt die Stadt wie seine Westentasche, weil er dort aufgewachsen ist und fühlt sich mit ihr verbunden. Daher ist er immer auch an den Menschen interessiert, die die Taten begehen. Desplechin beobachtet die Polizisten bei ihren Ermittlungen, wobei auch weitere Fälle einbezogen werden wie etwa eine Brandstiftung oder eine Vergewaltigung in einer U-Bahn. Im Fall des Mordes konzentriert sich der Verdacht bald auf zwei Freundinnen (Sara Forestier and Léa Seydoux). Der letzte Teil des Films schildert minutiös die stundenlangen Verhöre, im Rahmen derer sie auch die Tat nachstellen müssen und die beiden Schauspielerinnen ihr ganzes Können unter Beweis stellen können. OH MERCY ist eher eine Hommage an Desplechins Heimatstadt als ein spannender Krimi, melancholisch mit guten Darstellern inszeniert, insgesamt aber etwas zerfasernd und langatmig.

Bis kurz vor Schluss verliefen die diesjährigen Filmfestspiele ohne große Aufreger und Kontroversen, dann sorgte jedoch Abdellatif Kechiches Wettbewerbsbeitrag MEKTOUB, MY LOVE: INTERMEZZO für Empörung, vor allem bei der amerikanischen Presse. Fast vier Stunden lang sind in dem Film spärlich bekleidete Menschen zu sehen, sie tanzen hingebungsvoll in einer Diskothek und schwitzen, kurz vor Schluss gibt es eine 15 Minuten lange, explizite Cunnilingus-Szene mit einer der Hauptdarstellerinnen und einen abschließenden Sonnenaufgang, der kaum mehr als einen Moment andauert.

Mektoub, My Love - 2019

Mektoub, My Love – 2019

Kechiche wurde daraufhin Voyeurismus und ein toxischer „male gaze“ vorgeworfen, auf der Pressekonferenz forderte ein Journalist den Regisseur auf, sich zu einer laufenden Anklage wegen sexueller Belästigung zu äußern, was dieser strikt ablehnte. Die Diskussionen, die der Film auf dem Festival auslöste, wurden so scheinbar spannender als der Film selbst. Übersieht man seine provokative Kraft, mag man den Film als missglückt bezeichnen. Doch ihn rigoros abzuqualifizieren, wie es vielfach geschehen ist, sagt mehr über die Kritiker als über Kechiche und sein künstlerisches Schaffen. 2013 hatte er für den queeren BLAU IST EINE WARME FARBE immerhin die Goldene Palme erhalten. Man muss auch den jetzigen Film, den zweiten der „Mektoub“-Trilogie, die auf einem französischen Coming-of-Age-Roman basiert, im Kontext dessen lesen, in den Kechiche ihn versetzt hat, nämlich in die Lebenswelt der Jugendlichen, deren Elterngeneration aus dem Maghreb stammt. Wenn die Filme mit einem Koran-Zitat beginnen und dann ein leuchtend-nostalgischer Blick auf die frühen 90er Jahre folgt, in denen die Kriege im Mittleren Osten für die Europäer noch weit entfernt erscheinen, dann wird zumindest der Rahmen deutlich, in dem Kechiche sein Plädoyer für Erotik verortet. Er stellt zweifellos eine Kritik an einer spezifischen Abwertung der Lust, vor allem der weiblichen, durch aktuelle Strömungen des Islamismus dar. Kechiche selbst hatte für den Film ein Bild von Picasso im Kopf, die „Demoiselles d’Avignon“, und sprach davon, dass ihn die Idee interessiert hätte, Körper auf kubistische Weise in einem Film in Szene zu setzen. Man kann wohl sagen, dass ihm diese ästhetische Abstraktion nicht gelungen ist, obwohl er den narrativen Anteil auf ein Minimum reduziert hat, und dafür bewegte und erregte Körper extensiv abbildet. Eine immersive Erfahrung im Stil von Gaspar Noes CLIMAX gelingt ihm damit allerdings schon.

It Must Be Heaven - 2018

It Must Be Heaven – 2018

Ein völliges Kontrastprogramm bot der darauf folgende Wettbewerbsbeitrag von Elia Suleiman, der mit IT MUST BE HEAVEN (Neue Visionen) schließlich auch eine lobende Erwähnung der Jury bei der Preisverleihung erhielt. Wie ein palästinensischer Buster Keaton wirkte der zurückgenommene und wunderbar surreale Film, in dem Suleiman selbst die schweigsame Hauptrolle übernahm. Auch hier gab es keine übergreifende Narration, statt dessen eine Aneinanderreihung einzelner Szenen im Stil von Roy Andersson. Mit seinem Film DIVINE INTERVENTION hatte er 2002 im Wettbewerb bereits einen Film vorgelegt, der versuchte, Palästina als Mikrokosmos der gesamten Welt zu begreifen. In seinem neuen Film ist es genau umgekehrt: Ob in Paris oder New York, überall findet man die Spuren der Gewalt, die in Suleimans Heimat kein Ende nimmt. Diese zeigt sich jedoch nicht in den großen Gesten, sondern gerade im Trivialen und Alltäglichen. Statt Dialogen gibt es hier absurde Choreografien zu sehen, die auf der Premiere des Films immer wieder Szenenapplaus erhielten und an Stummfilmklassiker erinnerten.

Parasite - 2019

Parasite – 2019

Zum großen Überraschungssieger wurde schließlich der koreanische Film PARASITE (Koch Media) von Bong Joon Ho, der bereits mit SNOWPIERCER vorgeführt hat, dass dystopische Gesellschaftskritik und unterhaltsames Genrekino nicht im Widerspruch zueinander stehen. Sein neuer Film schloss auch auf Platz 1 des Kritikerspiegels ab, gewann den neu geschaffenen Arthaus Cinema Award und die GOLDENE PALME besiegelte das einstimmige Urteil.

Mit sehr viel Humor und liebenswerten Figuren erzählt er die Geschichte einer arbeitslosen Familie, die sich illegal im Keller eines Wohnhauses eingerichtet hat. Doch anders als bei Ken Loach regiert hier nicht die Tristesse, sondern der Einfallsreichtum, denn Not macht bekanntlich erfinderisch. Als der Sohn durch einen ehemaligen Schulkameraden die Möglichkeit bekommt, in einem Haushalt der Oberschicht ein paar Nachhilfestunden zu übernehmen, nutzt er seine Chance, die andere Familie mit falscher Identität zu infiltrieren, und nach und nach seine Angehörigen mit ins Boot zu holen. Die Schwester wird als Kunsttherapeutin für den verzogenen Sohn des Hauses eingestellt, die Entlassung des Chauffeurs fingiert, damit der arbeitslose Vater dessen Posten einnehmen kann. Die heimliche Übernahme unter falscher Fahne scheint zu gelingen, doch die gewitzte Familie hat ihre Rechnung ohne die alte Haushälterin gemacht, die den Eindringlingen nicht kampflos das Feld überlassen will.

Was als originelle und unterhaltsame Komödie beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem handfesten Existenzkampf, der blutige Konsequenzen nach sich zieht. “Wow, ist das metaphorisch”, wird im Film immer wieder ironisch eingeworfen. Und das gilt natürlich auch für die ganze Erzählung, die als Parabel auf die immer absurder werdende Schere zwischen Arm und Reich (nicht nur in Korea) zu lesen ist. Dass die Problematisierung des Klassenkampfes auch ohne moralische Didaktik auskommen kann, zeigt Bong Joon Ho damit auf so erfrischende Weise, dass sich die Veteranen des europäischen Sozialkinos davon eine Scheibe abschneiden können.

La Belle Epoque - 2019

La Belle Epoque – 2019

Außer Konkurrenz lief im Wettbewerb Nicolas Bedos‘ einnehmende Komödie LA BELLE EPOQUE (Constantin) mit Daniel Auteuil und Fanny Ardant. Auteuil spielt darin den mürrischen Comiczeichner Victor, dem nichts mehr Freude macht. Seine Frau Marianne ist es eines Tages satt und setzt den Nörgler vor die Tür. Er findet Unterschlupf bei seinem besten Freund François, nicht ahnend, dass der der heimliche Liebhaber seiner Frau ist. Sein Sohn versucht ihn, aus seinem Stimmungstief zu locken und vermittelt ihm den Kontakt zu seinem ehemaligen Schulkameraden Antoine, der ein erfolgreiches und innovatives Unternehmen leitet, das auf Wunsch seiner Kunden vergangene Epochen rekonstruiert. Victor ist begeistert von der Idee, einen wichtigen Tag in seinem Leben noch einmal erleben zu können, auch wenn der Preis für das Event happig ist. Zum ersten Mal seit Langem erwachen wieder seine Lebensgeister. Er möchte den Tag im Jahre 1974, an dem er seine Frau in der kleinen Bar “La Belle Epoque” kennengelernt hat, noch einmal erleben. Und tatsächlich, als er zum vereinbarten Termin erscheint, ist alles so hergerichtet wie damals: die Kellner, die liebevolle Ausstattung, die Musik – und auch seine Frau erscheint in Person einer Schauspielerin und die alte Magie scheint wieder da zu sein: Sie sprechen miteinander, sie streiten, sie entführt ihn zu einer wilden Fete – und er gewinnt wieder Lust am Leben. Kein Wunder, dass er diese Welt gar nicht mehr verlassen will. Regisseur Nicolas Beso inszeniert mit viel Esprit und gewandten Dialogen sein Spiel mit Sein und Schein und schafft eine Komödie mit Niveau, die wir schon lange im Kino vermisst haben.

Rocketman - 2019

Rocketman – 2019

Einer der heiß erwartetsten Filme auf dem diesjährigen Festival war zweifellos ROCKETMAN, das Biopic über den britischen Superstar Elton John, der als Mitproduzent gemeinsam mit Ehemann David Furnish und der Film-Crew auf den Roten Teppich trat. Im Gegensatz zum eher weich gezeichneten BOHEMIAN RHAPSODY erhalten hier auch die dunklen Seiten des im Fokus stehenden Musikers Raum – und doch bleibt der Film unterhaltsam und mitreißend. Auf der After-Show-Party nach der Premiere am Strand sangen Elton John und sein filmisches Alter Ego Taron Egerton zur Freude der Gäste sogar einen Song gemeinsam. Für seine Rolle hatte sich dieser intensiv vorbereitet und Gelegenheit zu vielen Gesprächen mit Elton John. Er erhielt sogar Einblick in seine handgeschriebenen Tagebücher.

Wie schon für die Vollendung des unter schwierigen Umständen zustande gekommenen BOHEMIAN RHAPSODY zeichnet Dexter Fletcher für die Regie verantwortlich. Diesmal hatte er das Zepter aber von Anfang an in der Hand und konnte alle seine Visionen umsetzen. Auch Elton John ließ ihm freie Hand. Im Zentrum des Films stehen die Durchbruchjahre der Künstlerpersönlichkeit, in denen aus dem begabten, in schwierigen Verhältnissen aufgewachsenen Reginald Kenneth Dwight der Pop-Star Elton John werden sollte. Doch der Erfolg hat auch Schattenseiten, die sich in Alkohol- und Drogenexzessen niederschlagen, und auch Elton Johns vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Homosexualität wird zum Problem. Im Gegensatz zu BOHEMIAN RHAPSODY drängt Fletcher das Thema aber nicht in den Hintergrund und spart auch explizite Sexszenen nicht aus. Und so wird ROCKETMAN in die Geschichte eingehen als erster Film eines US-Majors, in der gleichgeschlechtlicher Sex auf der Leinwand gezeigt wird. Was ROCKETMAN auszeichnet, ist die virtuose Verknüpfung von rund 20 Elton John-Songs mit Spielszenen, was auch ohne Einhaltung der exakten Chronologie überaus stimmig wirkt. Auch Elton Johns exzentrischer Mode-Stil, allen voran seine extravaganten Brillen, kommen nicht zu kurz und sind ein Fest für die Sinne. So schafft es Fletcher, Tiefsinn und Unterhaltung in Einklang zu bringen.