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Die 72. Filmfestspiele von Cannes: Ein Festivalbericht

 

The Swallows of Kabul - 2019

The Swallows of Kabul – 2019

In der Un Certain Regard war Zabou Breitmans THE SWALLOWS OF KABUL zu sehen, ein Zeichentrickfilm in der Tradition von PERSEPOLIS und TEHERAN TABU: Er erzählt von Zunaira und Mohsen; die im Kabul von 1998 unter Taliban-Herrschaft eine gleichberechtigte und glückliche Ehe führen. Beide leiden sie unter dem System, weshalb Zunaira kaum noch das Haus verlässt , weil sie es hasst, die Burka zu tragen. Als Mohsen eines Tages seinen alten Professor in der weitgehend zerstörten Uni wiedertrifft, bietet dieser ihm einen Job in einer freien Geheim-Universität an. Die Freude ist groß, und Zunaira begleitet ihren Mann zu einem gemeinsamen Treffen. Doch sie wählt die falschen Schuhe unter der Burka, was einer Kontrolle auffällt. Die Situation eskaliert, Mohsen muss in die Moschee zum Beten, während Zunaira in der prallen Sonne auf ihn warten muss. Wieder Zuhause kommt es zum Streit, bei dem Mohsen mit dem Hinterkopf auf einen Steinsims fällt. Nun wird Zunaira des Mordes angeklagt und eingesperrt, was sie mit dem Protagonisten einer Nebengeschichte zusammenbringt. Es ist ihr Wächter im Gefängnis, der eine todkranke Frau zuhause hat und mit den politischen Verhältnissen auch nicht einverstanden ist. Er recherchiert Zunairas Fall und ermittelt, dass es ein Unfall war, doch davon wollen die Taliban nichts wissen, und so tüfteln die beiden einen originellen Fluchtplan aus. Breitman gelingt eine stimmige Parabel auf die Taliban-Herrschaft und zeigt den ungebrochenen Willen der Bevölkerung, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Adam - 2018

Adam – 2018

Eine ähnlich einfach gestrickte Parabel, die umso mehr ans Herz geht ist auch ADAM von Maryam Touzani, die von Abla erzählt, die eine kleine Bäckerei in Casablanca betreibt. Seit dem Tod ihres Mannes, muss sie das Geschäft alleine führen, um ihre achtjährige Tochter Warda aufziehen zu können. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist zwar liebevoll, aber von einer gewissen Strenge geprägt, denn Abla fordert Disziplin und Gehorsam, um das gemeinsame Überleben schaffen zu können. Als eines Tages Samia, eine schwangere junge Frau, bei ihr anklopft und um Obdach bittet, lehnt Abla ab, doch als sie sie abends auf der Straße ihr Lager errichten sieht, revidiert sie ihre Entscheidung und bietet ihr für eine Nacht Unterschlupf. Schnell erkennt Samia die Situation, solidarisiert sich mit der Tochter und macht sich im Haushalt nützlich. Und als sie dann noch ein Gebäck nach dem Rezept ihrer Großmutter herstellt, das zum Seller im Straßenverkauf avanciert, erkennt auch Abla, dass ein wenig Hilfe von Vorteil sein kann. So kehrt in den nunmehr Drei-Frauen-Haushalt nicht nur Solidarität und gegenseitige Fürsorge, sondern auch die Lebensfreude wieder ein.

A Brother´s Love - 2019

A Brother´s Love – 2019

Die 35-jährige Sophia, Hauptfigur in Monia Chokris A BROTHER’S LOVE, hat gerade ihre Doktorarbeit in Politischer Philosophie beendet, doch ihr Einstieg in den Beruf misslingt. „Sie sind einerseits für alle Jobs überqualifiziert, andererseits haben Sie keinerlei praktische Erfahrung“, fasst es die Jobvermittlerin uncharmant zusammen. So steht Sophia nun statt vor einer glänzenden Karriere vor einem Schuldenberg und ist gezwungen, bei ihrem älteren Bruder einzuziehen, mit dem sie ein sehr enges Verhältnis hat. Der nimmt sie gerne auf, doch das symbiotische Verhältnis zwischen den Geschwistern wird auf eine Probe gestellt, als Karim seine Schwester als moralische Stütze zu einer Abtreibung begleitet und sich Hals über Kopf in deren Ärztin Eliose verliebt. Voller Eifersucht beobachtet Sophia die sich immer weiter festigende Beziehung und gerät in eine Lebenskrise. Das Debüt der Schauspielerin Monia Chokri über eine junge Frau, die versucht, erwachsen zu werden und auch ohne Job, Beziehung und Familie, eine Position im Leben zu finden, ist stellenweise etwas zu burlesk geraten. Dabei kupfert sie ein wenig von Xavier Dolan ab, mit dem sie – unter anderem in HEARTBEATS – schon mehrfach zusammengearbeitet hat, ohne jedoch dessen tiefsinnige Leichtigkeit zu erreichen.

Liberté - 2019

Liberté – 2019

Mit LIBERTÉ, einem Historienfilm basierend auf einer von ihm entwickelten Geschichte, wartete Albert Serra auf. Zuvor hatte er diese bereits als Theaterstück in der Berliner Volksbühne umgesetzt. Wieder mit dabei: der inzwischen 75-jährige Helmut Berger, der schon auf der Bühne die Rolle des Duc de Walchen übernahm. Liberté spielt 1774 kurz vor der Französischen Revolution. Eine Gruppe französischer Libertins, die vom Hofe König Ludwig XVI. verbannt wurden, treffen sich im deutschen Exil auf einer Waldlichtung irgendwo zwischen Potsdam und Berlin. Dort leben sie eine Nacht lang ohne Tabus ihre geheimen sexuellen Phantasien aus.

Serra setzt den zügellosen Lebensstil des Adels als Gegenentwurf zu den eingeengten Verhältnissen am französischen Hofe explizit in Szene und nimmt dabei Anleihen an den Experimentalfilm der sechziger Jahre. Im Gegensatz zu seinem letzten Cannes-Film DER TOD VON LUDWIG XIV. mit Jean-Pierre Léaud in der Rolle des dahinsiechenden Sonnenkönigs ist der menschliche Körper hier kein Gefängnis und dem Untergang geweiht, sondern wird zum Experimentierfeld der Lust. Leider ist die eigenwillige Mischung zwischen Kostümfilm und Hardcore-Pornografie mit historischem Bezug – trotz zahlreicher literarisch-philosophischer Bezüge unter anderem zu Marquis de Sade – in Inhalt und Umsetzung zu schwach, um nachhaltiges Interesse zu wecken.

Bull - 2019

Bull – 2019

Annie Silversteins Langfilmdebüt BULL ist die Coming of Age Geschichte von Kris, einem jungen Mädchen, das aus der Tristesse ihres Daseins in einem Kaff irgendwo in Texas ausbrechen möchte. Weil ihre Mutter im Gefängnis sitzt, lebt sie zusammen mit ihrer kleinen Schwester bei der Großmutter, die den Teenager nicht aus den Augen lässt. Angesichts der Enttäuschung über ihre Tochter, erwartet sie von ihrer Enkelin auch nur Negatives, was sie durch Verbote und Restriktionen verhindern will. Doch Kris lässt sich nicht einsperren und stellt immer wieder etwas an. Zuletzt bei ihrem Nachbarn, bei dem sie eine wilde Fete feiert, als er mal ein paar Tage verreist ist. Er verzichtet auf eine Anzeige bei der Polizei, wenn sie die Wohnung wieder herrichtet und ihm auch darüber hinaus zur Hand geht. So lernen sich die beiden kennen, und als er Kris schließlich mit zu seiner Obsession, dem Rodeo nimmt, erkennt sie eine Möglichkeit, ihrem trostlosen Dasein zu entfliehen. Dass dies nicht nur Willenskraft, sondern auch Disziplin und Arbeit bedeutet, muss sie zwar erst noch lernen, doch sie scheint auf dem rechten Weg.

Silverstein gelingt es, das Setting besonders gefühlvoll in Szene zu setzen. Ihre Charakterisierung des Teenagers ist nicht nur feinfühlig, sondern auch absolut plausibel. Sie schwankt zwischen Rebellion gegen ihre Oma und großer Zuneigung und Verantwortung für ihre kleine Schwester, ihr Hund ist ihr ergebener Freund, wenn es darum geht, mal wieder Dampf abzulassen. Leider konzentriert sich dann die zweite Hälfte zu sehr aufs Rodeo und baut einen Mythos auf, der hierzulande wohl schwer verständlich ist.

 

Lux Aeterna - 2019

Lux Aeterna – 2019

Ganz am Rande des Festivals konnte man dann noch alte Bekannte wieder treffen, die es längst nicht mehr nötig haben, um Preise zu konkurrieren, sondern nur noch ihr eigenes Ding machen. So zum Beispiel Gaspar Noé, dessen Film LUX AETERNA (Alamode), schon mit seiner ungewöhnlichen Länge von 50 Minuten auffällt und als Midnight Screenings zu sehen war. Béatrice Dalle spielt hier eine Regisseurin, die eine Hexenverbrennung in Szene setzen will. Die Hexe soll Charlotte Gainsbourg spielen und so treffen sich die beiden Frauen, die Filmgeschichte schrieben, erst einmal zu einem lockeren Gespräch, in dem allerhand Branchen-Gossip ausgetauscht wird, bevor sie die anstehende Filmszene besprechen. Dann geht es ans Set, für das eine Diskothek umgebaut wurde, hinter den Kreuzen mit Scheiterhaufen sorgt eine Videowand für den entsprechenden Hintergrund. Doch eine technische Panne, sorgt für Aufruhr, denn während sich Charlotte Gainsbourg vor lodernden Flammen erotisch auf dem Scheiterhaufen räkelt, gibt es eine technische Störung. Aus den Boxen ertönen sich zunehmend steigernde Techno-Klänge, die von wirrem Bildrauschen und Dropouts auf der Leinwand begleitet werden. Während Dalle versucht, den Take abzubrechen, halten Kameramann und Tontechniker drauf und tatsächlich wandelt sich Gainsbourgs anfänglich erotischer Todestanz in einen schmerzverzerrten Todeskampf, an dem nicht nur die Darsteller und das Team, sondern auch das Kinopublikum auf merkwürdige Weise teilhaben. Zwar hat der Film keine Kinolänge, ist aber dennoch eine beeindrucken Fingerübung, die mehr von der Arbeit am Set vermittelt als so mancher Langfilm.

Tommaso - 2019

Tommaso – 2019

In Abel Ferraras sehr persönlichen, neuen Film TOMMASO (Neue Visionen) darf  Willem Dafoe, Ferraras Nachbar in Rom und bester Freund, sein Alter Ego, einen alkohol- und drogenabhängigen Regisseur spielen, der für seinen Entzug nach Rom kommt. Hier will er sich mit seiner jungen Frau und seiner kleinen Tochter ein neues Glück aufbauen. Doch er ist immer noch nicht der Sprache mächtig, jedenfalls nicht so gut, dass er die aufkommenden Reibereien und Streitereien verbal auflösen könnte. Wer hier eine erzählerische Struktur sucht, liegt wie meist bei Ferrara falsch, vielmehr ist der Film ein emotionaler Scherbenhaufen, mit sehr schönen Momenten und allerlei wenig nachvollziehbaren Wutausbrüchen, die die Zerrissenheit des Regisseurs zwischen den Fehlern der Vergangenheit und seinen Wünschen und Träumen für die Zukunft zeigt. Am unterhaltsamsten ist der Film noch, wenn er in der Rehab alte Hollywood-Geschichten erzählt. Wenn er am Ende den heimlichen Lover der Mutter seiner Tochter erschießt und sich vor dem Bahnhof Termini kreuzigen lässt, kommt auch noch seine Religiosität ins Spiel, die aber merkwürdig unaufgelöst bleibt.

Family Romance, LLC - 2019

Family Romance, LLC – 2019

Für FAMILY ROMANCE, LLC., den Werner Herzog mit japanischen Schauspielern in Japan auf japanisch verwirklichte, ohne der Sprache mächtig zu sein, hatte er eine wirklich tolle Filmidee. Er beschreibt eine Firma, die zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten Familien einen Schauspieler zur Verfügung stellt, der die Vaterrolle übernimmt. So bucht zum Beispiel eine Mutter einen solchen Schauspieler, der ihrer Tochter den fehlenden Vater wenigsten für ein paar Tage vorspielt. Es gibt aber auch schnödere Beispiele, wenn etwa der wirkliche Vater Alkoholiker ist, man aber einen braucht, den man vorzeigen kann, wenn er bei der Hochzeit seine Tochter zum Altar führt. Beinahe beiläufig bekommen diese kleinen Geschichten eine ungeheure Tiefe und dringen tief in die japanische Kultur und Sitten ein. Doch scheint Herzog mehr am Geschäftsmodell interessiert als am Schicksal seiner Protagonisten und so macht er immer wieder neue Fälle auf, anstatt die alten in ihrer emotionalen Tiefe auszuloten. So vergibt er die Möglichkeit, die eher verschlossene japanische Gesellschaft einmal aufzubrechen und verbleibt lieber an der Oberfläche. Dennoch gelingt ihm ein Blick auf ein Land, zerrissen zwischen alten Traditionen und moderner Leistungsgesellschaft, über das man gerne mehr erfahren hätte.

Ice on Fire - 2019

Ice on Fire – 2019

In 2007 stellte Leila Conners ihren von Leonardo DiCaprio produzierten Dokumentarfilm THE 11TH HOUR in einer Reihe vor, in der in Cannes besonders engagierte Dokumentarfilme zu sehen sind. Hier hat Al Gore AN INCONVENIENT TRUTH vorgestellt, der später einen Oscar gewann und  Vanessa Redgrave ihren Flüchtlings-Aufschrei SEA SORROW. In diesem Jahr war Leila Conners zurück mit ICE ON FIRE, den wieder DiCaprio produziert hat und er spricht auch den Off-Kommentar. Der Film gibt ein Update in Sachen ‘climate change’ und beginnt recht wissenschaftlich mit CO2-Messungen und einer Zusammenfassung der historischen Entwicklung der Klima-Daten, gefolgt von einigen Bildern, die wir zum Teil aus den Nachrichten kennen, zum Teil aber auch nicht, wie die enorme Brücke, die einst über einen riesige Gletscher führte, den es längst nicht mehr gibt. So vereint Conners Fakten und ihre wissenschaftliche Interpretation mit Bildern, die man einfach nicht vergisst, um in der zweiten Hälfte mehrere Möglichkeiten zur Erzeugung regenerativer Energie und sogar clevere Verfahren, mit denne man das CO2  wieder aus der Atmosphäre kriegen kann, vorzustellen. War es in ihrem letzten Film bereits 5 vor 12, scheint es in den letzten Jahren nicht viel später geworden zu sein, jedenfalls ist ICE ON FIRE deutlich optimistischer. Wenn er auch unmissverständlich klar macht, dass die Menschen weiter die Luft verschmutzen und so den Klimawechsel heraufbeschwören, so zeigt er auch etliche Möglichkeiten und Verfahren, die einsatzbereit sind und das Schlimmste verhindern könnten. Damit bestätigt sie die Friday for Future-Bewegung , dass es noch nicht zu spät ist etwas zu tun, man muss nur endlich damit anfangen.

Hors Normes - 2019

Hors Normes – 2019

Zum Abschluss des Festivals wurde noch ein Film von zwei prominenten Regisseuren gezeigt: Eric Toledano und Olivier Nakache haben mit ZIEMLICH BESTE FREUNDE den wahrscheinlich größten Arthouse-Hit aller Zeiten gedreht und widmen sich nun erneut einem Sujet, das Menschen mit Behinderung und sozial Benachteiligte zusammenbringt. In HORS NORMES („THE SPECIALS“) spielen Vincent Cassel und Reda Kateb zwei befreundete Sozialarbeiter, die eine staatlich nicht anerkannte Hilfsorganisation für Autisten leiten, welche aus dem französischen Pflegesystem herausgefallen sind. Betroffen sind davon viele, denn nur wenige Betreuer sind in der Lage mit der besonders empfindlichen Wahrnehmung autistischer Menschen umzugehen und etwa auf Gewaltausbrüche angemessen zu reagieren, die entstehen, wenn diese Menschen falsch behandelt werden. Das Konzept der Organisation besteht darin, Jugendliche aus den Banlieus für die Pflege der autistischen Menschen auszubilden und somit beiden Seiten auch außerhalb der gesellschaftlichen Normen einen Ort zu geben.

Toledano und Nakache kennen die tatsächlichen Leiter des Verbands „Les silence de justes“, der sich für Autisten engagiert, schon sehr lange, da ein Familienangehöriger des Regisseurs selbst von Autismus betroffen ist. Insofern gerät ihr Film deutlich ernsthafter als der rein fiktionale „Ziemlich beste Freunde“, versucht jedoch auch hier durch Komik an eine übergreifende Akzeptanz und Menschlichkeit zu appellieren. Dank seiner sympathischen Darstellerriege, in die auch viele Autisten aufgenommen werden konnten, ist den beiden Regisseuren ein ziemlich unterhaltsamer Film gelungen, dem man einigen Klamauk aufgrund der Relevanz des Themas gerne verzeiht. Es ist berührend und faszinierend, wie Menschen, die in ganz verschiedener Weise „jenseits der Normen“ sind, eine sensible Wahrnehmung und Kommunikation miteinander entwickeln.

Insgesamt konnte Cannes mal wieder mit vielen großen Namen und allerlei Glamour aufwarten und wenn auch einige Filme hinter den Erwartungen zurück blieben, so gab es auch Überraschungen, Neuentdeckungen und  jede Menge Gesprächs- und Diskussionsstoff. Was kann man von einem Festival mehr verlangen?