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Jubiläum am Lido: Die 75. Filmfestspiele in Venedig

Aufbruch zum Mond - 2018

Aufbruch zum Mond – 2018

Direktor Alberto Barbera hat es in den letzten Jahren geschafft, mit seinem Festival auch die Oscar-Saison zu eröffnen. Jedenfalls spielten viele amerikanische Filme, die hier liefen, auch bei den Oscars eine gewichtige Rolle. Das wird sicherlich auch bei AUFBRUCH ZUM MOND (UIP) von Regie-Shooting Star Damien Chazelle der Fall sein, der 2016 das Festival mit seinem wunderbaren Musical LA LA LAND eröffnete und später sechs Oscars gewann. Waren seine bisherigen Filme alle der Musik verpflichtet, so betritt er mit AUFBRUCH ZUM MOND Neuland und versucht dem amerikanischen Traum vom Flug zum Mond pünktlich zum 50. Jahrestag neues Leben einzuhauchen. Dabei weiß er sich nicht so recht zu entscheiden, ob er den Schwerpunkt auf die Historie oder das Privatleben der Astronauten legen soll, ob er eine Hymne auf Amerika oder eben die Kehrseite dieser Medaille zeigen soll – die zahlreichen Entbehrungen, das harte Training und die immerwährende Todesgefahr. Er versucht beides, doch irgendwie gerät der Film zu unterkühlt, im beruflichen Teil zu technisch und im privaten nicht emotional genug.

Dass Armstrong seinen Schuldgefühlen in Bezug auf seine permanente Abwesenheit und der fraglichen Rückkehr von seiner Mission gerne aus dem Weg ging, mag noch historisch sein, aber dass auch Chazelle uns keinen emotionalen Zugang zu dieser Familie erlaubt, ist schade, umso mehr, da er mit Claire Foy eine Schauspielerin hatte, die dieses Dilemma eindrucksvoller hätte vermitteln können. Den Fokus auf Ryan Gosling als trauernden, sensiblen Vater zu legen, ist zwar sehr interessant, jedoch psychologisch zu kurz gegriffen, weil deutlich wird, dass sich der frühe Verlust seiner Tochter eigentlich mit einem anderen traumatischen Ereignis überlagert: Seiner Dienstzeit als Kampfpilot im zweiten Weltkrieg. Aber auch das Wettrennen mit den Sowjets um den Flug zum Mond bleibt erstaunlich nüchtern, ergeht sich in Zahlen, wissenschaftlichen Experimenten und Testflügen, die ihre Gefährlichkeit nur mit Wackelbildern und einer aufgedrehten Tonspur dokumentieren. Gelungen ist allerdings das 60er-Jahre-Setting, welches diese Mission aber nicht als Höhepunkt der modernen Technik zeigt, sondern eher mit rustikaler Grobmechanik dem Gründermythos in der eigenen Garage huldigt, und dabei irgendwie auch an Wallace & Gromits Flug zum Mond mit einer selbstgebauten Rakete erinnert.

Dass der Film immer wieder nachdenkliche Momente einflechtet und die Frage nach Sinn und Nutzen dieser Operation stellt, steht ihm zwar gut zu Gesicht, wird aber gerade in Amerika ziemlich kritisch diskutiert. Insbesondere, dass Chazelle das Aufstellen der amerikanischen Flagge auf dem Mond nicht zeigt, ist ein Stein des Anstoßes, jedenfalls hat Buzz Aldrin die Bilder aus seinem Privatarchiv daraufhin gleich ins Netz gestellt.

 

A Star is Born - 2018

A Star is Born – 2018

Darüber hinaus gelang Barbera in diesem Jahr sein prestigeträchtigstes Line Up. Kein Wunder, er spielte einfach all die Filme, die Cannes aus politischen Gründen abgelehnt hat. Das aber betraf nicht nur seine Netflix-Auswahl, sondern auch die Genderpolitik. Nur ein Film im Wettbewerb war von einer Frau, was er lapidar damit begründete, er suche Filme nicht nach Geschlecht, sondern nach Qualität aus. Inzwischen hat er auch bei diesem Thema zurückgerudert und Besserung gelobt, obwohl man ihn hier auch ein wenig in Schutz nehmen muss. Es gab zwar kaum Filme von Regisseurinnen, wohl aber solche aus weiblicher Perspektive oder mit starken Hauptdarstellerinnen.

Dazu gehört zum Beispiel der Oscar-Anwärter A STAR IS BORN, in dem der Megastar Lady Gaga an der Seite von Hollywood-Beau Bradley Cooper die Hauptrolle spielt. In den letzten 80 Jahren wurde die Geschichte bereits dreimal verfilmt. Die bekanntesten Versionen sind die des Amerikaners George Cukor von 1954 mit Judy Garland und Barbra Streisands Adaption von 1976, bei der sie auch die Hauptrolle übernahm. Während Cukors in der Filmszene angesiedeltes Werk in der Presse als intelligente Kritik am System Hollywood galt, an der Kasse aber gerade einmal sein Budget einspielte, wurde Streisands Version bei Kritikern meist als kitschiger Egotrip geschmäht, entwickelte sich aber zum Publikumserfolg.

Auch Cooper verzichtet in seinem lang erwarteten Spielfilm-Debüt weitgehend auf Systemkritik, legt seinen Schwerpunkt vielmehr auf die Liebesgeschichte und die emotionalen Untiefen, die eine entgegengesetzt verlaufende Karriere mit sich bringt. Völlig ohne Make-up oder sonstige Extravaganzen präsentiert sich Lady Gaga im Film, ganz im Kontrast zu ihrem glamourösen Auftritt auf dem Roten Teppich, der Venedig zeitweise in einen Ausnahmezustand versetzte. Die beiden haben sich mit großem Engagement ihrem Projekt gewidmet, vor allem an der eingängigen emotionalen Musik ist zu spüren, dass die Chemie zwischen ihnen stimmt und nicht nur ihre eigens für den Film geschriebenen Songs sind stark oscarverdächtig. Dennoch ist A STAR IS BORN kein originärer Arthouse-Film, denn der schon so oft erzählten American Dream-Story hat Cooper nur wenig hinzuzufügen, dafür sind vor allem Lady Gagas Musikdarbietung absolut sehenswert.

 

The Favourite - 2018

The Favourite – 2018

Zu den großen Lieblingen des Festivals zählte auch der neue Film von Yorgos Lanthimos THE FAVOURITE, der sogar mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde: Neben dem Großen Preis der Jury gewann die Hauptdarstellerin Olivia Colman die Coppa Volpi für ihre Rolle als kränkelnde und launische Monarchin. Nach THE KILLING OF A SACRED DEER schlägt Lanthimos hier das erste Mal mit einem adaptierten Drehbuch durchweg humorvolle Töne an und zielt mit hohem Unterhaltungsfaktor auf ein breiteres Publikum. Der gelungene Spaß in wunderbarem Dekor lässt allerdings ein wenig die verstörende Tiefe vermissen, die Lanthimos auf stilbildende Weise in das Greek New Wave Cinema eingebracht hat. Dafür dürfen nun Emma Stone und Rachel Weisz eine herrlich böse Schlammschlacht um die Gunst der englischen Königin Anne führen, die sich als empfänglich für weibliche Reize erweist und sich mit der Abhängigkeit eines Kleinkindes an ihre Berater und engsten Vertrauten ausliefert.

Aus der Gosse kämpft sich die gefallene Adlige Abigail wieder zurück an den königlichen Hof und spielt alle Taktiken aus, um in den inneren Kreis der Macht aufzusteigen. Eine perfekte Rolle für Stone, die ihr Image des unschuldigen Mädchens hier immer wieder mit dem der niederträchtigen Göre brechen kann. Und auch ihre Kontrahentin Lady Sarah, gespielt von Weisz, ist mit allen Wassern gewaschen und changiert zwischen charmanter Dame und eiskalter Ränkeschmiederin. Die Königin selbst genießt die Aufmerksamkeit und lässt die Puppen tanzen. Lanthimos gelingt ein origineller und keineswegs bloß historischer Blick auf weibliche Machtgier, die natürlich auch erotische Komponenten miteinschließt. Dabei treibt er den Kostümfilm in absurd-komische Dimensionen, die er mit dynamischen Reißschwenks und Fisheye-Linsen auffrischt. Ein Hauch Peter Greenaway mischt sich hier mit Sophia Coppolas MARIE ANTOINETTE, gerade wenn in den biestigen Dialogen auch mal zeitgenössische Vulgärsprache einfließen darf und die Inszenierung ironisch unterläuft. Die Gunst des Publikums ist diesem königlichen Vergnügen sicher.

 

Neben jenem Dreiergespann gab es noch weitere Filme, die eine starke weibliche Performance in den Vordergrund stellten und weibliche Erzählperspektiven favorisierten.

Als Anwärterin auf die Coppa Volpi galt auch Natalie Portman, die mit ihrer Rolle in Brady Corbets VOX LUX einen traumatisierten Popstar spielte, der irgendwo zwischen Lady Gaga und dem “Black Swan” angelegt ist. Doch Portman kopiert sich selbst keineswegs, ihre Celeste hat ganz eigene Abgründe, Gesten und Bewegungen, die sie mit großem Facettenreichtum zum Leben erweckt.

Angelegt ist der Film zusammen mit dem Vorgänger CHILDHOOD OF A LEADER als Diptychon der Gewalt des 20. und des 21. Jahrhunderts. Für einen so jungen Regisseur und Schauspieler wie Brady Corbet ist das vielleicht ein wenig größenwahnsinnig – und seine allegorische Erzählweise über den Aufstieg des Totalitarismus, die vor fünf Jahren ebenfalls in Venedig Premiere hatte, geriet auch etwas prätentiös. In VOX LUX funktioniert dieses Stilmittel der Abstraktion deutlich besser, vielleicht auch, weil Corbet aus dem Lebensgefühl seiner eigenen Generation um die dreißig erzählt, für die das erste große historische Ereignis 9/11 war. Einsatzpunkt für seinen Film ist ein Schulmassaker, das er an Columbine 1999 anlehnt und bei dem die junge Celeste vom Attentäter schwer verletzt wird, aber überlebt. Gemeinsam mit ihrer Schwester entdeckt sie im Laufe des schwierigen Reha-Prozesses ihre Liebe zum Gesang – und wird nach ihrer Performance bei der Gedenkfeier für die Opfer direkt von einem großen Plattenboss, gespielt von Jude Law, gecastet. Es ist ein Desaster-Kapitalismus in dem wir leben, scheint Corbet zu konstatieren. Jede Tragödie, ob persönlicher oder nationaler Natur, fließt direkt zurück in den Verwertungszusammenhang der Popkultur. Dass diese schon lange nichts subversives mehr ist, wird spätestens mit der Ablösung des Musikfernsehens durch das Reality-TV zur Jahrtausendwende hin deutlich. Celeste singt stupide Melodien in schillernden Kostümen und erträgt sich selbst meist nur auf Koks. Hatte Popmusik irgendwann einmal die Kraft gehabt, unaussprechliche Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen und politische Veränderung zu bewirken, ist sie heute nur noch ein Mittel zur affektiven Dämpfung der gesamtgesellschaftlichen Depression oder sogar intendierte Verblödung. Celeste singt Pop, um sich nicht mit der anhaltenden Gewalterfahrung zu konfrontieren: Durch ihr Trauma, den War on Terror oder der sexuellen Ausbeutung durch ihren Manager. Und schließlich reproduziert die Popkultur selbst Gewalt, als ein nicht näher benannter Anschlag von Terroristen in den Bühnenoutfits Celestes verübt wird. Brady Corbet inszeniert Natalie Portman als rotzige, desillusionierte Pop-Ikone, die hier zu einem absoluten Karriere-Höhepunkt aufläuft, auch wenn sich der Film am Schluss zu sehr in seinem allegorischen Modus verliert und ein pointierteres Ende vertragen hätte. Dass alle Songs im Film von der vielseitigen Künstlerin Sia höchstpersönlich geschrieben wurden, merkt man ihm jedoch stets an.

 

Suspiria - 2018

Suspiria – 2018

Einen Höhepunkt im Wettbewerb sollte die Neuauflage des Dario Argento Kultfilms SUSPIRIA von Luca Guadagnino darstellen, der in den wunderbaren Filmen CALL ME BY YOUR NAME und I AM LOVE neue Maßstäbe für die Inszenierung von Sinnlichkeit im Kino setzte. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an seinen ersten Abstecher ins Horrorgenre – doch seltsamerweise gelingt es ihm hier nicht wie in den Vorgängerfilmen eine kontinuierliche Sogwirkung zu entfalten, die den Zuschauer auch körperlich in ihren Bann schlägt, selbst wenn es durchaus um “Body Horror” geht. Seine Version von SUSPIRIA ist kein Remake, sondern eher eine Hommage und lässt dabei fast alles weg, was die Vorlage ausgezeichnet hat. Statt intensiver Farben zeigt sich ein bleiernes Berlin, aufgeladen mit einer politisierten Atmosphäre, auf die der Film ständig anspielt, ohne etwas daraus zu machen. Es ist die Zeit der RAF und des jugendlichen Aufbegehrens gegen die Kontinuität der Nazi-Schergen in den Institutionen. Aus der Ballettschule im malerischen Freiburg im Breisgau ist eine Modern Dance Kompanie geworden, die ein Stück mit dem zweifelhaften Namen “Volk” probt, angeleitet von der mysteriösen Madame Blanc, die die wie immer grandiose Tilda Swinton als eine Mischung aus Pina Bausch und Marina Abramovic spielt. Schon bald wird klar, dass es sich hier um einen Hexenzirkel mit seinen Elevinnen handelt, die offenbar ein Menschenopfer vorbereiten. Da kommt ihnen die junge, schöne Amerikanerin Susie (Dakota Johnson) gerade recht. Doch schon beim Vortanzen wird deutlich, dass die rothaarige Schönheit selbst über außergewöhnliche Kräfte verfügt und sich nicht instrumentalisieren lässt. Als ein Mädchen aus der Truppe, das sich an den älteren Psychoanalytiker Dr. Klemperer (ebenfalls verkörpert von Tilda Swinton in einer wahnsinnigen Maske) gewandt hat, plötzlich verschwindet, begibt dieser sich auf die Suche in die Untiefen des Hexenreiches. Eigentlich gibt es genug spannende Themen, die Guadagnino atmosphärisch hätte verbinden können: Die Mutter als ambivalente Figur zwischen Lebensspende und Allmacht, die Hexe als feministische Kämpferin für eine neue Weiblichkeit, das Fortleben der völkischen Ideologie als lebensverachtende Haltung, Frauen zwischen Emanzipation und Männerhass. Doch auch wenn diese Teile sichtbar werden, fügen sie sich an keiner Stelle zu einem stringenten Ganzen zusammen. Das Politische will sich nicht so recht mit dem Psychologischen verschränken und auch die starre Einteilung in Kapitel nimmt dem Erzählfluss einiges an Kraft.

 

Ganz anders in Jennifer Kents Beitrag THE NIGHTINGALE. Die Australierin hatte mit ihrem Horrorfilm THE BABADOOK vor einigen Jahren das Genre neu belebt und folgte nun als einzige Frau der Einladung in den Wettbewerb. Was sie zeigte, könnte durchaus aus einem Alptraum stammen, wäre es nicht Teil einer traurigen historischen Wahrheit. Mit einer so noch nie gesehenen expliziten Gewaltdarstellung schildert Kent die Folgen der brutalen Kolonialisierung Australiens und den Genozid an den Aborigines aus der Perspektive einer jungen irischen Mutter, die nach einer Reihe von Vergewaltigungen durch britische Offiziere schließlich auch noch Mann und Kind verliert. Sie selbst überlebt den versuchten Mord durch die Besatzer und beschließt an den Männern Rache zu nehmen. Unterstützung bekommt sie dabei von dem Aborigine Billy, der sie durch den dichten Wald Tasmaniens führt. Anfangs selbst noch in ihren rassistischen Vorurteilen gefangen, beginnt die junge Claire immer mehr Solidarität für ihren Mitstreiter zu empfinden und erkennt schließlich die Gewalt der weißen Männer als einen Zusammenhang: Gegen Eingeborene und Natur, aber auch die Frauen auf beiden Seiten. Neben den aus nächster Nähe gezeigten Gewalthandlungen, die sich kaum aushalten lassen, gelingt es Jennifer Kent, ihre Protagonisten im Kontrast dazu sehr liebenswert und mit einigem Humor in Szene zu setzen, so dass man bis zum Schluss mitfiebert.

Bei der Pressevorführung auf dem Festival gab es einen Eklat als ein italienischer Journalist wutentbrannt während des Abspanns frauenfeindliche Beleidigungen in den Saal rief. Am nächsten Tag entzog ihm Barbera persönlich die Akkreditierung und Jennifer Kent kommentierte auf der Pressekonferenz, dass Liebe und Mitgefühl die einzigen Reaktionen seien, mit der man Ignoranz und Gewalt beantworten könne. Ausgezeichnet wurde sie schließlich mit dem Spezialpreis der Jury und Newcomer Baykali Ganambarr wurde als Bester Nachwuchsschauspieler prämiert.

 

Sunset - 2018Auch europäische Autorenfilmer, die eigentlich schon in Cannes erwartet wurden, fanden sich im diesjährigen Wettbewerb, darunter der neue Film von Oscar-Preisträger László Nemes, der nach seinem Debüt SON OF SAUL nun in SUNSET (MFA) die Zeit vor dem Holocaust, die Gewalt des Ersten Weltkrieges erforscht. Darin kehrt eine junge Frau nach langer Abwesenheit an den Ort ihrer Kindheit, nach Budapest zurück. Ihre Eltern hatten hier einst ein prestigeträchtiges Hutgeschäft, kamen jedoch durch eine ungeklärte Brandstiftung ums Leben. Irisz beobachtet und erkundet die Entwicklungen, die sich seither ergeben haben und findet nicht nur heraus, dass sie noch einen verschollenen Bruder hat, der als gewaltbereiter Kämpfer einen nationalistischen Männerbund anführt, sondern auch, dass die neuen Betreiber des Hutgeschäfts mit der österreichischen Krone in einer sehr zweifelhaften Verbindung stehen. Ausgezeichnet mit dem FIPRESCI-Preis sorgte Nemes Film jedoch diesmal eher für zurückhaltende Reaktionen. Sein ganz besonderer Stil mit Close-Ups und Unschärfe zu arbeiten, der SON OF SAUL zu einem so einzigartigen Holocaust-Drama gemacht hat, schien den meisten hier zu einer bloßen stilistischen Manier zu verkommen. Inhaltlich wollte Nemes vermutlich etwas erreichen, das Michael Haneke in DAS WEISSE BAND mit sehr viel mehr Präzision gelang: Den Zerfall sozialer Beziehungen Anfang des letzten Jahrhunderts zu zeigen und wie die unterschwellige Gewalt darin schließlich in den Weltkriegen mündete. Allerdings ist Nemes traumartiger Zugang, der ein wenig an die Novellen Arthur Schnitzlers erinnert, oft nicht stark genug, um die Brisanz der politischen Situation in Österreich-Ungarn um 1913 greifbar zu machen. Seine Protagonistin ist dabei weniger als eine konkrete Person zu verstehen, als eine Art “Engel der Geschichte”, eine stumme Zeugin, die wie ein Gespenst überall dorthin geht, wo eigentlich niemand sein kann: In Szenen des Missbrauchs und Mordes und schließlich im kalten Schützengraben.

 

Doubles Vies - 2018

Doubles Vies – 2018

Eine gänzlich andere Stimmung verbreitete dagegen Olivier Assayas, der nach seinem wortkargen Gespensterfilm PERSONAL SHOPPER mit DOUBLES VIES eine äußerst gesprächige Beziehungskomödie präsentierte, die sich gleichermaßen als Diskursfilm über die Folgen der Digitalisierung und der Neuen Medien verstand.

Guillaume Canet spielt darin an der Seite von Juliette Binoche einen Verlagschef, der sich in vielerlei Hinsicht im Konflikt zwischen alt und neu bewegt: Er weiß nicht, ob er auf den Siegeszug des Ebooks setzen soll und ebensowenig, ob er aus der Affäre mit einer jüngeren Frau wirklich eine neue Beziehung machen will.

Seine Ehefrau, die ihre Schauspielkarriere schon lange nicht mehr in Arthouse Filmen, sondern auf Netflix bestreitet, hadert ebenfalls mit den Entwicklungen und hat selbst seit Jahren ein Verhältnis mit einem Autor, der bei ihrem Mann unter Vertrag steht. Eine relativ klare Botschaft wird hier verhandelt: Das Auftauchen von etwas Neuem bedeutet keineswegs einen völligen Liebesverlust für das Alte, vielleicht eher eine Art “Update” oder heilsame Krise. Und manchmal entpuppen sich vermeintliche Trends auch als Modephänomen von kurzer Dauer. Es macht wirklich großen Spaß allen ins Doppelleben Verstrickten dabei zuzusehen, wie sie diese Fragen im ganz persönlichen wie auch abstrakten Sinne ausdiskutieren und dabei kluge Kommentare zum Zeitgeist formulieren. Assayas gelingt eine “typisch französische Komödie”, die allerdings durch ihren intellektuellen Anspruch aus dem Einheitsbrei der üblichen Produktionen heraussticht.